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Anschlag in Nizza : Nichts ist sichtbar

Die Fahnen auf Halbmast: Eine Strandpromenade in Nizza Bild: dpa

Es erscheint ein neues Spiel. Und einen Tag später wissen wir, dass dieses Spiel auf der Höhe unserer Paranoia ist. Was haben „Pokémon Go“ und der Anschlag von Nizza miteinander zu tun?

          Am Mittwoch ist das Spiel der Stunde herausgekommen – aber erst am Freitag gab es die Betriebsanleitung. Das Spiel heißt „Pokémon Go“, und sein ganzer Reiz besteht darin, dass, wenn wir die Kameras unserer Smartphones auf unsere Umgebung richten, wir auf den Displays sehen, was mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist: An den Straßenecken, auf den Bürgersteigen, in den Parks – überall verbergen sich kleine Monster, welche der Spieler unschädlich machen soll.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am Donnerstag konnte man das noch deuten als Beitrag zur Wiederverzauberung der Welt: all die Wesen, die sich nur manchmal manchen offenbaren, die Geister und Kobolde, sind gar nicht vor der Aufklärung in die Fiktion entflohen; sie heißen jetzt nur Pokémons.

          Man konnte es auch deuten als Beitrag zur Sichtbarmachung der Machtverhältnisse: Es ist den Digital-Konzernen, in diesem Fall sind es Google und Nintendo, im Internet und auf den Festplatten zu eng geworden. Sie offenbaren endlich, dass sie auch die dreidimensionale Welt als ihr Territorium betrachten.

          Man nennt sie „einsame Wölfe“

          Seit der Nacht von Donnerstag auf Freitag wissen wir, dass das Spiel auf der Höhe unserer Paranoia ist. Damit es diese Paranoia auch bekämpfen könnte, müsste es allerdings noch ein wenig ausgereifter sein: Es gibt Wesen, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen und auch mit den üblichen Fahndungs- und Präventionsmethoden nicht aufzuspüren sind. Sie heißen nicht Pokémons; man nennt sie „einsame Wölfe“. Sie sind nicht verhaltensauffällig geworden durch Hassparolen, komische Bärte, Reisen nach Rakka, ins Herz der Finsternis. Sie waren unsichtbar, bis der Wahnsinn ausbrach, in Orlando, in Magnanville, in Nizza.

          Schon früher, wenn Leute (meistens junge Männer), die den Tod suchten und möglichst viele Menschen dahin mitnehmen wollten, sich dafür nach den Vorbildern des Kinos oder der Videospiele maskierten, stellte sich die Frage, was zuerst da war: Ob also der Wahnsinn aus den Filmen und den Spielen kommt. Oder ob noch die irrste Tat, damit sie geschehen kann, eine Form braucht, eine Struktur, eine Dramaturgie.

          Heute, da keine Tat zu wahnsinnig und unmenschlich sein könnte, als dass sich nicht am Ende der IS dazu bekennte, fürchten wir, dass es die Taten selbst sind, die neue Taten inspirieren. Man weiß schon seit der Rezeptionsgeschichte des „Jungen Werthers“, dass der Selbstmord ansteckend ist. Warum sollte es bei denen, die so viele andere mit in ihren Selbstmord reißen, anders sein?

          Der Täter von Nizza lebte schlecht, fühlte sich gedemütigt und diskriminiert? Es gibt viele Gründe, warum Demütigung und Diskriminierung bekämpft werden müssen. Diese zur Ursache des Wahnsinns zu erklären heißt aber: all jene zu ignorieren, die ihr Leiden ertragen, ohne davon zu Mördern und Amokläufern zu werden. Das ist die schreckliche Erkenntnis. Die Täter sind unter uns, und wir können sie nicht sehen.

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