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Anschläge in Brüssel : Es war sonnig draußen, es roch nach Frühling

  • -Aktualisiert am

Katja Petrowskaja war in Brüssel und wollte einen Essay über die Stadt schreiben. Doch nach den Anschlägen schien ihr alles entwertet. Ein Protokoll.

          6 Min.

          „In meiner kranken Fantasie wurde diese Stadt zu einem lebendigen bürokratischen Formular, das zum Glück noch nicht ausgefüllt war.“

          Aus einem Brief von Z.

          Alte Meister

          Wie viel alltägliches Leben gibt es am Tag einer Katastrophe? Wie viel Katastrophe und Verbrechen stecken in jedem normalen Alltag? Gehören wir zur Katastrophe, wenn wir sie nicht gesehen haben, und sind verschont? Und wann wird sie vergehen? Das Bild „Sturz des Ikarus“ von Pieter Bruegel aus dem Museé des Beaux Arts in Brüssel zeigt ein unlösbares Dilemma der Menschheit. Es ist nicht die Ignoranz, durch die der Bauer und der Gaffer nicht merken, dass dort ein Junge aus dem Himmel fällt. Selbst der Betrachter bemerkt nicht die Leiche im Gebüsch. Das Bild erzählt von der Gleichzeitigkeit des Geschehens. Ikarus, der zu nah an die Sonne herankam, stürzt ins Wasser, und obwohl dies das Wichtigste ist, das hier geschieht, steht im Zentrum des Bildes ein Bauer, der die Erde pflügt, um sein tägliches Brot zu verdienen. Von Ikarus sind nur zwei Füßlein, die gerade noch aus dem Wasser ragen, am rechten Rand des Bildes zu sehen. Sonst ist alles in Ordnung, die untergehende Sonne, das davonfahrende Schiff, die idyllische Landschaft, das Panorama eines ganz normalen Tages. Aber die Tragödie gibt dem Bild den Namen und den Sinn, obwohl sie nicht im Zentrum der Komposition steht.

          Dienstag, 22. März 2016

          Es war sonnig draußen und roch nach Frühling. Es gab jedoch keine Geräusche. Dienstag 13 Uhr. Fünf Stunden nach den Anschlägen. Ungewöhnlich still. Auf der Straße war kaum jemand zu sehen. Nur ab und zu Alarmsignale von Polizeiautos, die in der Stille die Luft noch schärfer durchschnitten als sonst. Keine Busse, keine Plauderei auf den Straßen, nicht einmal Kinder. Auch die Schule war abgeriegelt. Manchmal sah ich Eltern, die Kinder abholten. Ich musste mich strecken, um in alle Richtungen aus dem Fenster zu schauen, ich wollte sichergehen, dass die Welt noch besteht. Aber ja, am Place du Vieux Marché aux Grains rodeten Straßenarbeiter Bäume. Es war der Anfang des europäischen Frühlings, vielleicht. Die schönen zarten Äste fielen zu Boden, entblößte Bäume erhoben ihre Fäuste Richtung Himmel. Vielleicht war es wegen Schlingensief, dass es mir vorkam wie das Ende der Zeiten: Stille, und an ihrer Peripherie eine sich mir nähernde Säge.

          Das Boot

          Seit Stunden las ich Nachrichten, mit dem Gefühl, dass es bitte, bitte nicht wahr sein könne. Explosion im Flughafen und im U-Bahnhof Maelbeek, zwei Kilometer von mir entfernt. 26 Tote, über 70 Verletzte, sagte das Radio, ungezählte Betroffene. Alle Bahnhöfe sind geschlossen, die Flughäfen evakuiert. Der Premierminister sagte: Bleibt, wo ihr seid, und ich blieb zu Hause. Freunde von überall her schrieben mir. Ich war in Sicherheit, I am safe, erstarrt und ohnmächtig von den Bildern und Videos im Internet, die sofort nach den Explosionen gemacht wurden. Ein merkwürdiger Tag: Terror in Brüssel, und am anderen Ende des europäischen Geländes die Verurteilung der ukrainischen Pilotin Nadija Sawtschenko zu 22 Jahren Haft: Damit hat sich Russland zum Terrorstaat mit Schauprozessen erklärt. Es gibt unterschiedliche Arten, Menschenleben zunichtezumachen. Tag der Einheit: Durch Furcht und Trauer sind wir in einem Boot, schrieb eine Freundin, lasst uns hoffen, dass es nicht „Titanic“ heißt. Oder gehören die da bei uns im Osten nicht zum Bild?

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