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Anonymität im Netz : Die Macht der Namenlosen

Das Bewusstsein einer Bewegung: anonymer Protest hinter der Guy-Fawkes-Maske Bild: AFP

Die Angst vor dem Shitstorm geht um und lässt die Rufe nach dem Ende der Anonymität im Netz lauter werden. Der beste Weg in die Arme von Überwachungsstaat und Datenkraken?

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          Es ist nur noch eine Welt, in zwei Gestalten. Mittlerweile hat sich das Bewusstsein durchgesetzt, dass das Geschehen im Internet nicht weniger wirklich ist als das in der festkörperlichen Welt. Fast alles Virtuelle hat seinen Offline-Reflex, und es wäre naiv, am alten Traum vom Internet als der unschuldigen, spielerischen Alternative festzuhalten, wenn gleichzeitig im Netz die Verteilungskämpfe toben. Darf sich hier also weiter ein anonymer Mob austoben, ohne für seine Äußerungen mit eigenem Namen einzustehen?

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Namenlosen sind eine Macht geworden. Die Angst vor dem „Shitstorm“ lähmt die politische Debatte und hat den Ruf nach Kontrolle laut werden lassen. Es handelt sich um mehr als den Verstoß gegen Höflichkeitsregeln, wenn sich unter dem Deckmantel des Anonymen eine Diskurspolizei etabliert, die ihre Gegner mit Hass und Häme zum Schweigen bringt. Die ganze destruktive Qualität des Cybermobbing war jüngst zu erkennen, als in Emden ein aufgebrachter Netzmob zur Lynchjustiz gegen einen angeblichen jugendlichen Sexualmörder aufrief, dessen Unschuld sich später erwies. Und wer mag sich der machtberauschten Selbstjustiz von Hackergruppen wie Anonymous und Wikileaks ausliefern, die Transparenz feiern und keinen Einblick in die eigenen Strukturen gewähren?

          Verzerrte Alternative

          Die Forderung nach genereller Identifizierungspflicht im Netz, wie sie Innenminister Friedrich nach den Morden von Utoya erhob, führt jedoch zu falschen Freunden. Facebook liebt nicht die Camouflage. Soziale Netzwerke und Suchmaschinen lernen ihre Nutzer zwecks Optimierung ihrer Werbeprofile gern persönlich kennen und dringen in letzter Zeit verstärkt auf den Identitätsnachweis. Die Angst vor dem Cybermob führt vor die verzerrte Alternative.

          Eine Konferenz in Passau machte sich jetzt um die liberale Perspektive verdient. Im allgemeinen Wuchern der Überwachungsstrukturen, so der Ausgangspunkt, meint Anonymität weniger den feigen Hinterhalt als die harterkämpfte Verteidigung des Privaten und die Waffengleichheit mit den unsichtbaren Datenkraken. Die Welt der Biometrie, der vermehrten Realität und des Internets der Dinge arbeitet ganz von selbst an der Abschaffung des Anonymen. Die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg demonstrierte es am konkreten Beispiel: Wenn Gesichtserkennung in den Alltag einzieht, wird das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit bei gleichzeitigem Vermummungsverbot porös. Im Visier biometrischer Raster bleibt man auf einer Demonstration nicht länger frei und unerkannt.

          Was ist auszuhalten?

          Der Passauer IT-Rechtler Dirk Heckmann ordnete das Prinzip der Anonymität unter die Grundrechte ein, abgedeckt durch das Recht auf Meinungsfreiheit. Als Waffe gegen Verwertungsketten und Überwachungsstrukturen, sei es im Zweifel über seine negativen Begleiterscheinungen hinaus, zu verteidigen. Von Meinungsfreiheit kann jedoch auch nicht mehr die Rede sein, wenn Künstler derzeit aus Angst vor anonymer Hetze kaum wagen, ihr existenzsicherndes Urheberrecht einzuklagen.

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