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Annette Pehnt : Schlaf unter Tage: „Das Totenhemdchen“

  • Aktualisiert am

„Richtige” Märchen und andere: Grimms Märchen Bild: Reclam

Das Büblein ist tot, die Mutter weint Tränenströme - und das Totenhemdchen des Kindes wird durchnäßt. Dieses traurige Märchen hat die Schriftstellerin Annette Pehnt als Kind verstört.

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          Das sei kein Märchen, beharrte meine sonst so gütige, immer nachgiebige Großtante, das lese sie nicht vor. Aber es stehe doch in dem dicken gelben Märchenbuch, hielt ich dagegen, und Märchen sei Märchen.

          Doch meine Großtante wollte vom Tod nichts wissen. Sie schnitt Apfelsinenschnitze, um mich abzulenken, und legte das gelbe Buch auf das oberste Bücherregal, von wo ich es in der Mittagspause über den Kopf der sanft schnarchenden Großtante hinweg entwendete, lesen konnte ich ja.

          Sie hatte recht. Dies war kein Märchen, und ich verstand nichts. Ein liebliches Büblein wird krank, der liebe Gott nimmt es zu sich. Bis ich begriff, daß damit der Tod gemeint war, vergingen drei Apfelsinenschnitze. Die Mutter ist untröstlich, das Büblein erscheint ihr jede Nacht und weint mit ihr. Doch als sie gar nicht zu weinen aufhört, setzt es sich in seinem Totenhemdchen weiß umkränzt auf ihr Bett und bittet sie, keine Tränen mehr zu vergießen. Sonst trocknet sein Hemd nicht, und es kann nicht schlafen. Die Mutter erschrickt und hört auf zu weinen. Da trocknet das Hemd, das Büblein erscheint noch einmal und bedankt sich, und seitdem schläft es tief und fest in seinem unterirdischen Bettchen.

          Schlechten Träumen ausgeliefert

          Ich war verstört. Natürlich weint die Mutter, wie es sich gehört. Warum soll sie damit aufhören? Und wie kommen die Tränen der Mutter auf das Totenhemd? Wieso schläft das Büblein unter der Erde, wenn es doch bei Gott wohnt? Wenn der Tod ein unterirdischer Schlaf ist, dann werde ich also nicht zu Füßen Gottes sitzen, sondern in einem klammen weißen Hemd und mit Lehm auf der Brust für immer schlechten Träumen ausgeliefert sein, und niemand bringt mir etwas zu trinken.

          Entsetzt ließ ich das gelbe Buch sinken. Märchen hatten gut auszugehen, hatten mit einer glücklichen Wendung die Ordnung der Welt zu besiegeln. Also mußte das tödliche Bettchen ein gutes Ende bedeuten. Vielleicht war es ungeheuer gemütlich, eine ewige Heimat, unterirdisch beleuchtet von Engeln und anderen Lichtbringern. Kein Wunder, daß man die Tränenströme der Mutter, die das warme Nest doch nur durchfeuchtet hätten, abstellen mußte.

          Gleich las ich voll banger Hoffnung alles noch einmal. Völlig getröstet war ich nicht, aber doch gefaßt genug, um meine Großtante aufzuwecken und ihr den Tod unter Tage zu erklären. Die Großtante, noch schlaftrunken, nickte und blätterte eilig zwei Seiten weiter. Hänsel und Gretel. Ein richtiges Märchen.

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