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Annett Gröschner: „Walpurgistag“ : Der Blocksberg liegt am Kollwitzplatz

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Berlin, Berlin: Für Annett Gröschner sind die pastellfarben sanierten Häuser der Stadt nur geschichtsvergessene Orte Bild: bw photoagentur

Sogar die Ratten werden vertrieben, weil man ihre angestammten Schlupflöcher renoviert. Hier ist er, der Roman zum Dauerstreitthema „Gentrifizierung“.

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          Wem gehört die Stadt? Den „Ureinwohnern“ oder den „Schwaben“? Hier die labbrige Latte-macchiato-Welt, dort urige Ostkneipen, wo die Damen am Schnaps nuckeln und aus rauhen Kehlen Schlachtrufe gegen das „neue Bürgertum“ ertönen: „Bier und freie Liebe statt BMW und Dachjeschoss.“ Klar, wir sind in Berlin. Annett Gröschner ist unsere Stadtführerin. Elf Jahre nach „Moskauer Eis“ hat die 1964 geborene Autorin ihren zweiten Roman vorgelegt. „Walpurgistag“ schildert auf 430 Seiten einen einzigen Tag, den 30. April 2002, ein Mosaik aus 78 Kapiteln, Short Cuts. Zwei bis drei Dutzend Figuren werden durch die Stadt gescheucht, darunter ein Taxifahrer, ein Gasuhrenableser und eine Pizzabotin, die überwiegend alleinstehenden Männern Kalorien zuführt.

          Die selbst vom sozialen Abstieg bedrohte Dramaturgin Viola Karstädt quartiert sich als Mitschläferin bei einer Neuköllner Familie ein - „Schlafperformance“ in einer „theaterresistenten Gegend“ nennt sich das Experiment. Aber die RTL-2-Familie, bei der Viola im verrauchten Wohnzimmer auf dem Sofa nächtigt, nimmt den Kunstcharakter der Sache gar nicht wahr und meint, einer wirklich bedauernswerten Frau geholfen zu haben. Fortgeschrieben wird auch die Geschichte von Annja Kobe aus „Moskauer Eis“. Sie ist mitsamt ihrer Kühltruhe in den Untergrund gegangen, in der ihr Vater seit Jahren im Gefrierschlaf liegt, um einst in der gerechten Gesellschaft wieder zu erwachen. Annja aber wird des Vatermords verdächtigt. Als Illegale mit Kühltruhe zieht sie von einer Abbruchwohnung in die nächste - auf diesen buchstäblich nachgeschleppten Handlungsstrang hätte man aber lieber verzichtet.

          Die meisten Figuren sind geprägt von ihrem DDR-Vorleben

          Ein Walpurgisnacht-Roman kommt ohne Hexerei nicht aus. Ganz vorn dabei: drei Ost-Rentnerinnen vom Kollwitzplatz, Frau Köhnke, Frau Menzinger (mit Spitz Stalin) und Frau Schweickert, die gerade zwangsweise aus ihrer angestammten Wohnung in der Danziger Straße ausziehen musste. Die drei alten Damen vom Gentrifizierungsgrill sind scharfzüngige Beobachterinnen des Wandels im Kiez, und sie radikalisieren sich im Lauf des Tages, ihre Berliner Schnauze wird immer bissiger und derber, bis sie am Ende gar das Cabrio eines Hausbesitzers abfackeln.

          Der Roman ist im Präsens geschrieben und folgt im Minutentakt dem Verlauf des Tages. Aber auch wenn die Menschen Gegenwart erleiden - ihr Leben besteht aus Vergangenheit. Da gibt es den philosophierenden Penner Alex, der immer überraschend zur Stelle ist, halb guter Geist, halb Mephisto. Einst aber will er Stasi-Offizier gewesen sein, als sogenannter „Romeo“ zuständig für die Verführung von Nato-Sekretärinnen.

          “Moskauer Eis - Der Geschmack des Ostens“ lautete ein Slogan des Debütromans. Diesen Geschmack hat auch „Walpurgistag“. Die meisten Figuren sind geprägt von ihrem DDR-Vorleben. Vom Westen Berlins werden Teile Kreuzbergs und Neuköllns einbezogen; da gibt es drei deutschtürkische Mädchen, die sich bemühen, eine Gören-Gang zu sein. Zweimal führt der Roman ins fernere Charlottenburg. Taxifahrer Hosch hat sich dort mit einer Unbekannten zum Sex verabredet, Treffpunkt: vor der Schaubühne. Aber die Unbekannte wartet im Osten vor dem Puppentheater „Schaubude“ - eine charakteristische Pointe.

          Als wäre der zweite Weltkrieg erst kurz vor 1989 zu Ende gegangen

          Der Exlehrer Micha Trepte, der inzwischen für die Gaswerke unterwegs ist, hat einmal in der Ku’damm-Gegend zu tun. Prächtige Fassaden, aber oft wenig dahinter: Eine zahlungsunfähige Psychotherapeutin, der er die Gaszufuhr abklemmen muss, engagiert ihn spontan für eine Familienaufstellung, bei der noch ein Vater fehlt. Im Praxisraum mehrere Frauen in merkwürdigen Positionen, wie „eine weibliche Laokoongruppe ohne Schlangen“, und sie starren den neuen „Vater“ sogleich hasserfüllt an. Das ist witzig beschrieben, hat aber auch Methode. „Bürgerlicher“ Psychokram gehört in den Westen, immer noch.

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