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Anne Frank : Die beste Freundin

Hannah Pick-Goslar Bild: Christian Thiel

Hannah Pick-Goslar ging mit Anne Frank zur Schule und überlebte den Holocaust. Ihr letzter Freundschaftsdienst: die Erinnerung an die berühmte Tagebuch-Autorin wachzuhalten.

          Es war ein schöner Tag, der 23.April 1945. Die Obstbäume blühten, die Luft war mild. In den frühen Morgenstunden hielt in dem Brandenburger Dorf Tröbitz ein Zug am Bahnkilometer 106,7 auf der Strecke zwischen Leipzig und Cottbus.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Befreiung verschlafen

          Hannah hatte zu diesem Zeitpunkt geschlafen. Als sie aufwachte, stand die Tür des Viehwaggons offen. Neben ihr lagen Schwerkranke und Tote, die anderen waren nach draußen gegangen. "Du hast es verpaßt!" rief ihr jemand zu. Es - das war der Moment, als russische Soldaten die Türen öffneten, die Häftlinge herausließen und die SS-Bewacher gefangennahmen. Hannah hatte die Befreiung verschlafen, aber sie wußte nun, daß sie das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt hatte, in dem wenige Wochen zuvor ihre Freundin Anne Frank gestorben war.

          Hannah Pick-Goslar steht an den Bahngleisen in Tröbitz, 59 Jahre später. Die Böschung ist zugewuchert, der Weg entlang der Bahnlinie vom Regen aufgeweicht. Zehn Tage waren sie damals mit mehr als 2000 KZ-Insassen im Zug unterwegs. Die SS hatte kurz vor der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen die Häftlinge in Waggons verfrachtet, um sie in das Konzentrationslager Theresienstadt zu bringen. Hannah war 16 Jahre alt, ihre Schwester vier. Zusammengepfercht in Viehwaggons, sahen sie durch die Ritzen Lüneburg, Wittenberge und das zerbombte Berlin. Mitten in Brandenburg strandeten sie in dem Bergarbeiterdorf Tröbitz. 28 Juden, die während der Fahrt an Unterernährung oder Typhus gestorben waren, wurden notdürftig direkt am Waldrand neben den Gleisen beerdigt. Die anderen schleppten sich den Waldweg entlang ins Dorf. Sie waren frei, aber zu schwach, um sich zu freuen.

          Leidensgenossinnen und Freundinnen

          Anne Frank und Hannah Pick-Goslar hatten sich 1933 in Amsterdam kennengelernt. Hannah war vier Jahre alt, Anne ein halbes Jahr jünger. Sie waren gerade mit ihren Familien aus Deutschland in das noch unbesetzte Holland geflohen. Sie besuchten den gleichen Kindergarten und sprachen kein Niederländisch. Sie waren Leidensgenossinnen, wurden Freundinnen - obwohl sie vom Temperament her unterschiedlicher nicht sein konnten. Hannah war ein scheues Kind, Anne forsch und selbstbewußt. "Ein bißchen katzig", sagt Pick-Goslar heute. "Meine Mutter sagte immer: ,Der liebe Gott weiß alles, Anne weiß alles besser.'" "Hanneli", schrieb Anne Frank über ihre Freundin ins Tagebuch, sei meist schüchtern und zu Hause sehr frech, "aber sie hat eine offene Meinung, und vor allem in der letzten Zeit schätze ich sie sehr".

          Wie viele Überlebende des Holocaust wollte Hannah Pick-Goslar nach dem Krieg zunächst nicht über ihr Schicksal reden. Aber Otto Frank, der Vater von Anne und einzige Überlebende der Familie, brachte sie dazu. "Er schickte Journalisten nach Jerusalem, denen ich von Anne erzählte. So war ich gezwungen zu reden." Schließlich sprach sie in Schulen, in Amerika und Holland, später, mit mulmigem Gefühl, auch in Deutschland. Seit fünf Jahren kommt sie regelmäßig und erzählt, wie sie war, ihre beste Freundin. "Seit ich mir einbilde, es sei wichtig, fällt es mir leichter."

          Glückliche Zeiten gab es auch

          In ihrem Bericht wie im Tagebuch von Anne Frank ist bis zu dem Datum, an dem die Familie untertauchte, viel von den Repressalien durch die Nazis die Rede, aber auch von glücklichen Momenten. "Unsere Eltern hielten vieles von uns fern", erzählt Hannah Pick-Goslar. Anne und Hannah hatten mit drei anderen Freundinnen den Club "Der kleine Bär minus 2" gegründet. Nachmittags spielten sie im Wohnzimmer Pingpong und gingen anschließend Eis essen. Zu Annes Geburtstagsfeier im Juni 1942 gab es ihren Lieblingskuchen: Erdbeertorte. Man redete über Verehrer, wachte eifersüchtig darüber, wer mit wem am besten befreundet war.

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