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Annalena Baerbocks Sprache : Das hat sie nicht auf dem Schirm

  • -Aktualisiert am

„Mist“, das hatte sie doch was vergessen: Annalena Baerbock, hier bei einem Pressetermin im Juni in Berlin. Bild: EPA

Annalena Baerbock ist Kanzlerkandidatin und jetzt auch Buchautorin. Ihr Werk „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ zeigt, dass die Kunst der geschliffenen Rede ihr nicht zu eigen ist.

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          Die Dichterin Ilse Aichinger hatte einmal beschlossen, bestimmte Worte nicht mehr zu gebrauchen. Ihr Spiel mit den guten und schlechten Wörtern führte dazu, dass sie, zum Beispiel, den Satz „Den Untergang vor sich her schleifen“ stehen ließ, obwohl man, wie sie anmerkt, weder Untergänge noch sonst etwas vor sich her schleifen kann.

          Eine Dichterin darf so mit den Worten umgehen, aber Annalena Baerbock ist keine Dichterin, sondern eine Politikerin, die Kanzlerin werden will. Medial geglückt waren ihre Auftritte bisher nicht besonders, sei es wegen des nicht korrekten Lebenslaufs oder wegen vergessener Nebeneinkünfte. „Mist“. Darüber hat sie sich „tierisch geärgert“. Aber: Das hat sie nicht „auf dem Schirm gehabt“, wie sie entschuldigend sagte.

          Es ist erstaunlich, dass jemand, der so gerne über die Bedeutung der Digitalisierung spricht, etwas „nicht auf dem Schirm hat“. Doch nun ist Annalena Baerbock Buchautorin geworden. Auch in ihrem Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ ist häufig die Rede davon, dass sie etwas nicht „auf dem Schirm“ hatte.

          Ob das alle bei den Grünen gelesen haben?

          Der berühmte Satz „Wir schaffen das“ war ein starker Satz einer starken Frau, aber das mit dem „Schirm“ könnte in die Hose gehen. Will man eine Kanzlerin, die beim Klimagipfel sagt: Ach, sorry, das hatte ich nicht auf dem Schirm!? Nein, das möchte man nicht!

          Dabei will Frau Baerbock so viel Gutes und Richtiges, wie man in ihrem Buch lesen kann, das aber, trotz persönlicher und familiärer Einsprengsel, eigentlich nur das in Blei gegossene Wahlprogramm der Grünen ist. Also nicht unbedingt eine Lektüre für das Schwimmbad oder den Waldsee. Vielleicht aber abends auf dem Balkon, denn im Buch funkeln so viele Gender-Sterne, dass man auf weitere Beleuchtung verzichten kann.

          Da war Robert Habeck in seinem 2018 erschienenen Buch „Wer wir sein könnten“ zurückhaltender. Er schrieb: „Wir Grüne zum Beispiel benutzen in unseren offiziellen Texten wie selbstverständlich den GenderStar, um sichtbar zu machen, dass alle Menschen in der Sprache ihren Platz haben.“ Sein Buch ist sternelos, ein gutes Buch übrigens über die Bedeutung der Sprache in der Politik. Ein Buch ohne „GenderStar“: Wer weiß, ob das alle bei den Grünen gelesen haben.

          Zurück zu den wahren Dichtern, der wahren Dichterin Ilse Aichinger. In ihrer Erzählung „Wo ich wohne“ berichtet sie, dass sie plötzlich vom vierten Stock in den dritten Stock umgezogen worden war. Sie fand das nicht so schlimm, weil ihr das Erreichen des vierten Stocks ab und zu den Atem genommen hatte. Doch am nächsten Tag wohnte sie plötzlich im zweiten und am übernächsten im ersten Stock, dann folgte das Parterre und dann ging es ab in den Keller. Das fand sie auch noch nicht so schlimm, weil es letztlich einfacher war mit dem Kohlenschleppen. Doch nun fragt sie sich etwas besorgt: „Wie es sein soll, wenn ich im Kanal wohnen werde. Denn ich mache mich langsam damit vertraut.“ Man muss nicht immer alles glauben, was die Dichter schreiben, aber lesen sollte man sie.

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