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Netzpolitik.org: Totoro : Geheimnisvoller Freund

In Hayao Miyazakis Zeichentrickfilm„Tonari no Totoro“ (1988) freunden sich zwei Mädchen dem geheimnisvolles Wesen namens Totoro (links) an; fast 30 Jahre später mit den Bloggern von Netzpolitik.org. Bild: Picture-Alliance

Sollte das plüschige Redaktionsmitglied Totoro das Maskottchen von Netzpolitik.org sein, kann es mit dem Internetheiligtum der Blogger nicht allzu weit her sein.

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          Seit die Fernsehteams Dauergäste in den Berliner Räumlichkeiten von „Netzpolitik.org“ geworden sind, kennen wir neben dessen Spiritus Rector Markus Beckedahl und seinem Kollegen André Meister, den nunmehr berühmtesten Bloggern der Republik, noch ein drittes Redaktionsmitglied. Erst vorgestern Abend war es wieder prominent in der „Tagesschau“ zu sehen. Es hat seinen Schreibtisch quer zu den anderen beiden und legt im Umgang mit den Kameras ein reichlich ungeniertes Betragen an den Tag: Ein immerwährendes breites Grinsen strahlt uns aus dem stark behaarten und bereits ergrauten Gesicht entgegen, die Augen blitzen, doch aus seinem Mund kommt kein Wort.

          Diese graue Eminenz ist ein Geheimnisträger wie aus dem Bilderbuch. Und genau da kommt sie gewissermaßen auch her. Denn der Herr stammt aus Fernost, trägt den Namen Totoro und ist allen Freunden japanischer Popkultur wohlbekannt. Er ist die Titelfigur eines Animes (Zeichentrickfilms) von Hayao Miyazaki, der 1988 Furore machte: „Tonari no Totoro“, auf Deutsch „Mein Nachbar Totoro“. Darin wird von zwei Mädchen erzählt, die mit ihrem Vater aufs Land ziehen, während die Mutter im Krankenhaus liegt. In der neuen Umgebung lernen die Töchter ebenjenen Totoro kennen, ein geheimnisvolles, riesiges, rundliches Wesen, das sich nach anfänglichem beiderseitigem Zögern als überaus freundlich und hilfsbereit erweist. Der knuddelige Kinderfreund fand erst in Japan und dann auf der ganzen Welt durch Videokassetten, DVDs und Bücher den Weg in die Regale, sein Konterfei ist zum Firmensignet von Miyazakis Filmstudio Ghibli geworden, und im Ghibli-Museum in Tokio-Mitaka laufen Kurzfilme mit Totoro, die es nur dort zu sehen gibt (das Haus ist auf Wochen im Voraus ausgebucht). Gar nicht zu reden von der Flut an Plüschspielzeug, und es ist eines davon, das im Büro von „Netzpolitik.org“ steht, direkt links neben jenem Computer, auf den die Fernsehkameras besonders gern halten, wenn sie die Arbeitsweise des Polit-Blogs bebildern wollen. Dieses japanische Gastspiel ist geeignet, die seit Tagen immer wieder gestellte Frage, worum es sich bei „Netzpolitik.org“ eigentlich handelt – Internetheiligtum? Sturmgeschütz der Demokratie? Freiheitsstatut? Tendenzbetrieb? Wichtigtuer? Landesverräter? –, zu beantworten. Nicht nur, dass wir aus dem Film wissen, dass Totoro nicht reden, aber reichlich Wind machen kann. Nein, in weiser Vorausschau hat Miyazaki schon im Vor-Internet-Zeitalter seinem Helden den künftigen Berufsweg in die Wiege gelegt: durch die Taufe. Als sich Miyazaki nämlich eine Bezeichnung für seinen Helden überlegte, wählte er eine aus der europäischen Mythologie bekannte Figur, deren Namen er einfach ins Japanische umschrieb, das allerdings keine lautliche Entsprechung für den Buchstaben L kennt und Konsonantenfolgen durch Einschub von Vokalen auflöst. Totoro ist die japanische Aussprache von „Troll“.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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