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Animationsfilm über van Gogh : Wollen wir seine Gemälde laufen sehen?

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Pünktchen, Strichlein, das hat sich auch im Zeitalter der Pixel noch nicht erledigt - und jetzt werden wir im Kino sehen, wie viel Bewegung in der Malerei steckt. Bild: Breakthru Productions

Wir können nur durch unsere Bilder sprechen: Das Animationsfilmprojekt „Loving Vincent“ entwirft die bewegte Welt, so wie van Gogh sie einst gemalt hat.

          Dass die Bilder laufen lernen, ist ein Traum, wohl so alt wie die Menschheit. Mit der Erfindung der Daumenkinos, der Fotografie, endlich des Films, ging er in Erfüllung. Fortan gaben wir uns der Illusion von Bewegung hin. Der Film wurde zur eigenen Kunstform, doch Gemälde durften wieder im Stillstand verharren. Dennoch blieb der Wunsch, auch gemalte Bildnisse mögen sich bewegen. J.K. Rowling setzte ihm in ihrer „Harry Potter“-Reihe ein literarisches Denkmal: In der magischen Welt sind Bilder und Gemälde nicht eingefrorene Augenblicke, sondern lebendige Abbildungen. Die Porträtierten bewegen sich nach Belieben, besuchen einander über die Grenzen der Rahmen hinweg.

          Während Zeichentrickfilme und computergenerierte Animationen Gezeichnetes und Gemaltes in Bewegung versetzten, waren Filme, welche die künstlerischen Eigenschaften von Gemälden aufgreifen, lange nicht zu finden. Der Gedanke scheiterte an der Machbarkeit. Die optische Illusion von Bewegung entsteht erst ab rund zwölf Bildern pro Sekunde, für eine Minute Film sind also 720 Bilder erforderlich. Standard in Kinofilmen sind 24 Bilder pro Sekunde. Schon bei Zeichentrickanimationen ist der Aufwand immens, bei Gemälden grenzt er ans Unmögliche.

          29.000 Malereien für zwanzig Minuten Film

          Versucht wurde es dennoch. Ein Beispiel ist der Kurzfilm „The Old Man and the Sea“. Ende der neunziger Jahre verfilmte der russische Regisseur Alexander Petrow Hemingways Novelle, indem er die einzelnen Bilder mit Ölfarben auf Glas zeichnete und die Zeichnung für jedes Bild per Hand veränderte. 29.000 solcher Malereien waren für zwanzig Minuten Film nötig, die Produktion dauerte mehr als zwei Jahre. Doch die Mühe zahlte sich aus. Im Jahr 2000 erhielt Petrows Werk den Oscar für den besten animierten Kurzfilm.

          Fünfzehn Jahre später macht ein noch ambitionierteres Projekt von sich reden. Ausgehend von hundertzwanzig Werken und achthundert Briefen Vincent van Goghs, will die britisch-polnische Koproduktion „Loving Vincent“ das letzte Lebensjahr des Malers aus der Perspektive der von ihm Porträtierten erzählen, gemischt mit fiktionalen Elementen.

          Anders jedoch als etwa Mike Leighs Künstlerdrama „Mr. Turner“ entsteht „Loving Vincent“ nicht als konventioneller, fotografierter Spielfilm, sondern aus Bildern im Stil des Malers - bei einer angepeilten Länge von rund achtzig Minuten ein beeindruckendes Unterfangen.

          Die Inspiration dazu stammt nach Auskunft der Regisseurin Dorota Kobiela von van Gogh selbst, der in einem Brief an seinen Bruder schrieb: „Wir können nur durch unsere Bilder sprechen.“ Die Filmemacherin nahm diese Aussage wörtlich. Technisch ist der Film ähnlich gemacht wie der Animationsfilm von Petrow. Schauspieler, unter ihnen Saoirse Ronan, Jerome Flynn und Aidan Turner, werden vor einem Greenscreen aufgenommen. Die beteiligten Künstler malen sodann das erste Bild jeder Szene à la van Gogh. Man schießt ein Foto, bevor das Filmmaterial um ein Bild vorgespult wird. Von diesem Zeitpunkt an müssen die Maler für jedes weitere Bild nur noch Veränderungen auf dem Gemälde vornehmen.

          Die Ähnlichkeit mit den Originalen verblüfft

          Obwohl 85 Maler gleichzeitig an verschiedenen Szenen arbeiten, müssen bei achtzig Minuten geplanter Spielzeit immerhin 57 600 einzelne Bilder angefertigt werden - eine Mammutaufgabe, die die Frage aufwirft, warum man solche Mühen auf sich nimmt. Doch die Ergebnisse lassen solche Zweifel verstummen.

          In einem Trailer, der sich wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet hat und weitere Maler auf das Projekt aufmerksam machen soll, sehen die vorläufigen Ergebnisse sehr ansehnlich aus. Zwar variiert die Qualität der Szenen, man erkennt die unterschiedlichen Stile der beteiligten Künstler, dennoch verblüfft die Ähnlichkeit mit den Originalen. So dampft die Eisenbahn über die „Seinebrücken bei Asnières“, während das Firmament in der „Sternennacht über der Rhône“ leuchtet, als ob van Gogh selbst den Pinsel geführt hätte. In Zeiten, da man im Kino alles gesehen zu haben glaubt, ziehen solche Aufnahmen umso mehr in Bann – vielleicht gerade, weil sie nicht perfekt sind, sondern durch den Pinselstrich individueller Künstler geprägt.

          Wird das Format über die Länge eines Spielfilms tragen? Die Filmemacher sind optimistisch, der Film soll gegen Ende des Jahres in die Kinos kommen. Was mit den vielen Gemälden geschieht, die bis dahin entstanden sein werden, ist noch nicht entschieden.

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