https://www.faz.net/-gqz-769ql

Anhörung im Bundestag zur Contergan-Studie : Unabhängigkeit ist das Ziel, nicht Fürsorge

  • -Aktualisiert am

Die Ergebnisse einer Heidelberger Studie sind bestürzend. Die gesundheitliche Lage von Menschen mit Conterganschäden hat sich in den letzten Jahren gravierend verschlechtert. Bild: dpa

Fast jeder Zehnte der in Deutschland lebenden Menschen mit Conterganschäden ist zur Anhörung in den Bundestag gekommen. Denn die Zukunftsaussichten vieler Betroffener sind alles andere als gut.

          5 Min.

          Wohl selten hatte eine Sachverständigenanhörung in einem Bundestagsausschuss so große Resonanz: Der Familienausschuss musste in den Sitzungsaal der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wechseln, um Platz für die mehr als 240 Menschen mit Conterganschäden zu schaffen, die als aktive Zuhörer in eigener Sache zu der zweistündigen Anhörung gekommen waren. Auch wenn die Bundestagsverwaltung vermutlich keine Katastrophe fürchtete, hatte sie sich doch veranlasst gesehen 35 Angehörige des Technischen Hilfswerkes in Nebenräumen zu platzieren. Hilfreicher waren aber wohl doch die ebenfalls engagierten Gebärdensprach- und Schriftdolmetscher, die übersetzten und die Reden simultan auf zwei große Leinwände projizierten, damit auch die gehörlosen und schwerhörigen Contergangeschädigten den Stellungnahmen der Sachverständigen folgen konnten - ein Service zum Überwinden von Kommunikationsbarrieren, den sich die Betroffenen auch bei anderen Themen wünschen.

          Zweihundertvierzig Menschen mit Conterganschäden, das war fast ein Zehntel aller in Deutschland noch lebenden Betroffenen, die bis vor kurzem in der Öffentlichkeit noch als „Contergankinder“ wahrgenommen wurden. Die für sie zuständige wissenschaftliche Disziplin ist aber nicht mehr die Kinderheilkunde, sondern die Gerontologie - ein rasanter, auf den tatsächlich beschleunigten Alterungsprozessen gründender Perspektivenwechsel. Vielleicht ist es kein Zufall, dass in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit mit Blick auf diese vielbeachtete Gruppe die Phase des Erwachsenendaseins übersprungen wurde - sieht man von der öffentlichen Bewunderung für einzelne Berühmtheiten wie Thomas Quasthoff ab. Kinder und Alte sind Objekte der Fürsorge, sie gelten als Menschen, um die man sich mehr sorgen muss, als dass ihnen zugetraut würde, ihr Leben selbstverantwortlich zu gestalten. Dass die Betroffenen selber diese Rolle nicht annehmen und eingreifen, war eine der herausragenden Botschaften der Anhörung am Freitag.

          Brisante Ergebnisse

          Deren Thema war ungewöhnlicherweise nicht, wie sonst bei Anhörungen in den Ausschüssen üblich, ein konkretes Gesetzesvorhaben, sondern der knapp dreihundert Seiten starke Bericht einer Heidelberger Forschergruppe mit dem sperrigen Titel „Wiederholt durchzuführende Befragung zu Problemen, speziellen Bedarfen und Versorgungsdefiziten von contergangeschädigten Menschen“. Wie brisant die Ergebnisse der renommierten Gerontologen sind, machte der sonst nicht gerade als freigiebig bekannte Koalitionsausschuss bemerkenswert deutlich, der, noch bevor die Studienergebnisse am Freitag im Ausschuss erörtert werden konnten, rasch und medienwirksam ankündigte, die Bundesregierung werde weitere 120 Millionen Euro für Menschen mit Conterganschädigungen bereitstellen.

          Die Summe klingt beeindruckend, erinnert man sich, dass das Stiftungsvermögen der für die Entschädigungszahlungen zuständigen Conterganstiftung ursprünglich nur hundert Millionen Mark betragen hat und zuletzt 2008 um hundert Millionen Euro aufgestockt worden ist. Aber warum hat die Koalition nicht zuerst auf Basis des nun vorliegenden Berichts und in Abstimmung mit den Verbänden der Menschen mit Conterganschäden den Bedarf bestimmt, der zu decken ist - um danach dann die dafür erforderliche Summe bereitzustellen?

          Weitere Themen

          Immer mehr schlechte Nachrichten für Boeing

          Krise um 737 Max : Immer mehr schlechte Nachrichten für Boeing

          Es steht nicht gut, um den Flugzeugbauer Boeing: Der politische Druck rund um die Ermittlungen zu den beiden Abstürzen der 737-Max-Maschinen wird immer größer – und nun verliert das Unternehmen auch an der Börse immer mehr an Wert.

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

          Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

          In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.