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Anhörung im Bundestag zur Contergan-Studie : Unabhängigkeit ist das Ziel, nicht Fürsorge

  • -Aktualisiert am

Großer Bedarf an Pflege- und Assistenzleistungen

Die Ergebnisse der Heidelberger Studie sind nämlich bestürzend. Contergangeschädigte leben signifikant häufiger ohne Partner, die Gruppe der Kinderlosen ist erheblich größer. Menschen mit Conterganschäden haben einen höheren Bildungsstandard als der Durchschnitt der Bevölkerung, gleichzeitig liegt der Anteil der Erwerbstätigen ungefähr um ein Viertel unter dem Wert von Menschen ohne Conterganschäden. Vor allem aber hat sich die gesundheitliche Lage der Betroffenen in den letzten Jahren aufgrund von Spät- und Folgeschäden, unter denen die Überlebenden dieses ersten großen Arzneimittelskandals in der Geschichte der Bundesrepublik leiden, gravierend verschlechtert. Überlastete Gelenke, schwere Beeinträchtigungen der Wirbelsäule und vor allem chronische Schmerzzustände steigern den Hilfe- und Unterstützungsbedarf für viele Menschen mit Conterganschäden erheblich. Damit wird auch die unabhängige Lebensperspektive derjenigen Menschen mit Conterganschäden gefährdet, die trotz aller Widrigkeiten eine stabile Lebenssituation für sich erkämpft haben.

Gerade für die Menschen, die schwerste Conterganschäden haben, wächst daher in den nächsten Jahren vor allem der Bedarf an Pflege- und Assistenzleistungen. Während aber Geschädigte ärztlicher Behandlungsfehler, Kriegsopfer oder auch Opfer vorsätzlicher Straftaten je nach konkretem Bedarf Anspruch auf Assistenz- und Pflegeleistungen haben, erhalten Contergangeschädigte außer ihrer Rente von höchstens 1152 Euro monatlich keine weiteren Leistungen von der Stiftung.

Der Verantwortung gerecht werden

Sie sind also im Bedarfsfall darauf angewiesen, dass die Sozialhilfeträger ihre hohen Assistenz- und Pflegekosten übernehmen - mit den gravierenden Folgen, die das auf die eigene Lebensplanung hat: Das eigene Einkommen und Vermögen sowie das von Angehörigen können zur Deckung der Sozialhilfekosten herangezogen werden, man selbst darf nur über Wohnraum verfügen, der sozialhilferechtlich gesehen als angemessen gilt.

Inwieweit die „bis zu 120 Millionen Euro“, über die jetzt der Koalitionsausschuss geredet hat und die im besten Fall schon ab 2013 jährlich zusätzlich gezahlt werden könnten, diesen grundlegenden Missstand ändern können, wird sich erst noch zeigen müssen. Denn selbst wenn die derzeit gezahlten Conterganrenten um ein drei- oder vierfaches erhöht werden sollten, erwarten die Heidelberger Wissenschaftler drastische Steigerungen beim Pflege- und Assistenzbedarf, aber auch für die Kosten für Heil- und Hilfsmittel und für andere behinderungsbedingte Mehraufwendungen in den nächsten Jahren, für deren Deckung auch spürbar höhere Renten nicht ausreichen werden. 

Erforderlich ist also über höhere Rentenzahlungen, die auch dem Verdienstausfall und den immateriellen Schäden Rechnung tragen, hinaus ein Fonds, der je nach individuellem Bedarf die monatlich bis zu fünfstelligen Pflege- und Assistenzkosten deckt. die Ein Arzthaftungsfall, bei dem ein Neugeborenes schwergeschädigt wird, veranlasst gerade wegen dieser Kosten die Haftpflichtversicherungen zu Rückstellungen für spätere Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe - für nur einen einzigen Geschädigten.

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