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Anglizismen im Französischen : French Fries

  • -Aktualisiert am

Fleur Pellerin setzt zu neuen, nicht unbedingt frankophonen Tönen an. Bild: AFP

Wenn es nach der französischen Kulturministerin Fleur Pellerin geht, dann könnte die französische Sprache ein paar Anglizismen vertragen oder auch zumindest dulden. Aber was würde das bedeuten?

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          Das Französische, hat die Kulturministerin Fleur Pellerin kürzlich erklärt, sei nicht in Gefahr, und es sei auch nicht ihre Aufgabe, nutzlose Dämme gegen andere Sprachen zu errichten – ein Satz, gefallen aus Anlass der „Woche der französischen Sprache und der Frankophonie“, die das Land seit 1995 jedes Jahr begeht, um sich der Herrlichkeit seiner wunderbaren Ausdrucksweise zu vergewissern. Ein Satz aber auch, mit dem die seit ihrem Amtsantritt im vergangenen September vom Kulturbetrieb mit Argwohn beäugte Ministerin quasi en passant Jahrzehnte der französischen Sprachpolitik beiseitefegte, was wir – anders als die Franzosen, bei denen Pellerins Aussage erstaunlicherweise zu keinen nennenswerten Reaktionen geführt hat – zum Anlass nehmen wollen, unser größtes Bedauern auszudrücken.

          Soll es denn wahr sein? Vorbei die Zeiten, in denen sich Studenten des Französischen über die Listen der sogenannten Terminologiekommissionen beugen durften, um zu erfahren, wie es korrekt heißen muss? Denn so war es ja: Seit den sechziger Jahren hatten Sprachwissenschaftler und Verwaltungsbeamte Listen mit französischen Wörtern erstellt, deren Gebrauch anstelle der meist englischen Lehnwörter zumindest für den öffentlichen Bereich zeitweise gesetzlich verpflichtend vorgeschrieben war: Statt „fair-play“ sollte es also „franc-jeu“ heißen, statt „playback“ lieber „postsonorisation“, statt „pocket-radio“ besser „récepteur de poche“, der „caméra-man“ sollte als „cadreur“ und der „disc-jockey“ als „animateur“ bezeichnet werden.

          Für schöne Heiterkeit sorgten immer wieder auch Vorschläge wie „planche acrobatic terrestre“ für Skateboard, „rémue-méninges“ für Brainstorming oder „sac gonflable“ für Airbag. Je länger man sich mit diesen Listen beschäftigte, desto deutlicher wurde jedenfalls, dass die Arbeit der Kommissionen an skurriler Liebenswürdigkeit eigentlich nur von der Académie française übertroffen wurde. Denn deren Mitglieder arbeiten, wie es seit der Gründung der Akademie 1635 zu ihren Aufgaben gehört, ständig an einem aktuellen Wörterbuch, dessen letzte Ausgabe aus dem Jahr 1992 stammt. Und zuletzt waren sie dabei, so verriet das Akademie-Mitglied Eric Orsenna im Gespräch vor ein, zwei Jahren, schon beim Buchstaben R angelangt.

          Was aber bedeutet nun die lapidare Einlassung von Fleur Pellerin für diese Arbeit? Konkret vermutlich erst einmal wenig. Ihr Land wird sicher weiter streng darauf achten, dass Französisch gesprochen wird, wo Französisch gesprochen werden kann, und beispielsweise auch fortfahren, englischsprachige Reklame mit einer Fußnote und entsprechender Übersetzung zu versehen. Aber eines zeigt Fleur Pellerins Einlassung eben doch: Die Ministerin meint es ernst mit ihrer mehrfach angedeuteten Neuorientierung französischer Kulturpolitik. Dass die Zeiten von André Malraux vorbei seien, hat sie ja schon gesagt. Wenn sie nun nicht einmal mehr die französische Sprache in Gefahr sieht, fehlt eigentlich nur noch, dass McDonald’s-Besuche in Frankreich demnächst subventioniert werden. Quelle catastrophe!

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

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