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Angela Winkler zum Siebzigsten : Die hohe Kunst, in Freiheit zu leuchten

  • -Aktualisiert am

Als „Katharina Blum“ spielte sie sich in das Gedächtnis der Nation, als Agnes Matzerath in Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“-Verfilmung wurde sie zum Star: Die Schauspielerin Angela Winkler feiert heute siebzigsten Geburtstag.

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          Es kann passieren, dass im Berliner Ensemble eine Premiere mit Angela Winkler in einer tragenden Rolle angesetzt ist - und trotzdem sieht man sie kurz vor Beginn der Aufführung noch entlang der Spree oder durch den nahen S-Bahnhof Friedrichstraße flanieren. Das heißt aber nun nicht, dass die Schauspielerin lampenfieberbefeuerte Angst hätte und am liebsten auf und davon fliehen möchte. Nein, Angela Winkler will offenbar vor einer Aufführung oft einfach möglichst lange „das Leben“ draußen spüren und „das Chaos“ genießen, wenigstens hat sie einmal so davon gesprochen - um sich hernach, wenn sie auf die Bühne mit deren strengen Gesetzen geht, vollkommen auf ihre jeweilige Aufgabe konzentrieren zu können.

          Etwas von dieser Ungebundenheit und Eigenständigkeit fließt stets in ihre Rollengestaltungen ein und tat es natürlich auch bei der Figur, mit der sie sich ins kollektive deutsche Bildgedächtnis hineingespielt hat: als melancholisch fröhliche, so aufrichtige wie rätselhafte Titelheldin in dem Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) von Volker Schlöndorff nach der Erzählung von Heinrich Böll.

          Der Durchbruch 1975: Volker Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ machte Angela Winkler zum Star Bilderstrecke

          Angela Winkler hat große Erfolge an großen Häusern gefeiert. Sie erhielt den Bundesfilmpreis in Gold, die Josef-Kainz-Medaille der Stadt Wien oder den Gertrud-Eysoldt-Ring. Gleichwohl scheint sie nie ganz und gar dem Theaterbetrieb angehören zu wollen. Regelmäßig hat sie längere Pausen eingelegt, sich mit ihrer Familie in spanischen und französischen Dörfern niedergelassen und eine Weile einen Bauernhof mit hundertundfünfzig Apfelbäumen auf einer Insel in der Elbe bei Hamburg bewirtschaftet. Noch mit Lehm an den Gummistiefeln stieg sie dann immer wieder ins Flugzeug und brachte frische Luft auf die Bühnen großer Städte.

          Von der Uckermark zu den großen Bühnen

          Aufgefallen war Angela Winkler, die in Templin in der Uckermark geboren wurde und in Erlangen aufwuchs, schon früh. Ihretwegen fuhren sogar Abgesandte der Schaubühne nach Castrop-Rauxel, wo die Anfängerin engagiert war, und verpflichteten sie 1971 nach Berlin, wo sie vom Schaubühnenchef Peter Stein, der einem Mitbestimmungskollektiv, das eigentlich keinen Chef duldete, unangefochten und tonangebend vorstand, einen Brief erhielt, in dem stand: „Wir wollen gute Kommunisten sein.“ Hier trat die frisch Engagierte in legendär gewordenen Inszenierungen von Peter Stein auf: in „Peer Gynt“ und „Fegefeuer in Ingolstadt“ und dann bei Luc Bondy in Else Lasker-Schülers „Die Wupper“.

          Zu ihrem bevorzugten Regisseur wurde allerdings später der Stein-Antipode Peter Zadek, der ihr alles abverlangte, aber auch alles zutraute und sie nach ihrer geglückten Zusammenarbeit bei „Iwanow“ (1990), dem „Kirschgarten“ (1996) und „Rosmersholm“ (allesamt im Wiener Akademietheater) 1999 dazu verführte, wie einst Sarah Bernhardt oder Asta Nielsen den Dänenprinzen Hamlet zu spielen. Von den Proben riss sie indes zweimal aus, weil sie fürchtete, die Textmenge und Shakespeares Welt nicht bewältigen zu können, und sich sagte: „Mein Leben ist zu kostbar, um mich so zu stressen.“ Es wurde dann ein Riesenerfolg und ein Triumph.

          Vielleicht ist es diese bewusste Balance zwischen erhabenster Kunst und profanem Alltag, die ihre Rollen so unmittelbar und beseelt, so schwerelos und dabei so nachdrücklich macht. Mit ihrem unwiderstehlich mädchenhaften Lächeln kann sie ohnedies jeder Figur - sei es Goethes „verteufelt humane“ und ätherische Iphigenie, sei es Oskar Matzeraths umtriebige Mutter Agnes in Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“-Verfilmung - die Wucht der Wahrhaftigkeit und das Leuchten der Freiheit schenken.

          Selbst die mathematisch choreographierten Inszenierungen eines Robert Wilson vermochte sie mit ihrer persönlichen Grandezza zu überformen: im Berliner Ensemble als strahlend unabhängige Seeräuber-Jenny in Brechts „Dreigroschenoper“ oder als Wedekinds elegante Traum- und Totentänzerin Lulu. In der Regie von Thomas Ostermeier kehrte sie in „John Gabriel Borkman“ 2009 wieder an die Schaubühne zurück, wo ihr einst Klaus Michael Grüber, als sie in einer Szene nicht weiterwusste, geraten hatte: „Sei doch so, wie du bist, sei einfach und stolz!“ Schöner hat wohl niemand das Wesen und die Wirkung dieser meisterlichen Künstlerin gefasst, die am Mittwoch siebzig wird.

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