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Angela Merkels Ruf im Ausland : Wer ist diese Frau?

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Die Portugiesen, die mit einem Blick auf ihre Vergangenheit immer geneigt sind, sich freiwillig zu erniedrigen und zu gehorchen, pflegen sich nicht mit Deutschlands Geschichte zu befassen. Aber Angela Merkel weiß fraglos, dass allen, denen ihre Politik unerfüllbare Einsparungen abverlangt, die deutsche Geschichte wieder in Erinnerung kommt und dass es unverantwortlich ist, der Wiederauferstehung des Bildes aus dieser Vergangenheit Vorschub zu leisten. Deshalb beunruhigt sie mich. Auf welcher Seite wird Angela Merkel stehen, wenn die Sonntagsreden verstummen und sie keine Zeit mehr haben wird, auf ihre Schuhspitzen zu blicken?

Übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner

Die portugiesische Schriftstellerin Lídia Jorge, 66, veröffentlichte zuletzt den Roman „Milene“ (Suhrkamp).

* * *

Die Bedrohung

Thomas Siomos, Griechenland

Das Bild von Angela Merkel bei den Griechen kann leicht und getreu durch eine Szene dargestellt werden, die nicht erfunden ist, auch wenn sie so wirkt:

Eine Mutter aus einem der ärmlichen Viertel Athens fleht ihren Sprössling an, den übervollen Teller, den sie in den Händen hält, leer zu essen.

„Memorandum macht frei“: Die konservative griechische Zeitung „Demokratie“ ist wenig originell.

Es mag paradox klingen, doch die elterliche Grundsorge einer griechischen Mutter besteht darin, dafür zu sorgen, dass ihr Kind zu essen bekommt, und zwar viel. Diese Eigenheit ist von Soziologen als „Besatzungssyndrom“ bezeichnet worden, was die Hyperphagie, die Verfressenheit, der Neugriechen in den drei letzten Jahrzehnten als das Ergebnis der traumatischen Erinnerung an die große Hungersnot in der Zeit der deutschen Besatzung beschreibt, während der Hunderttausende von Griechen starben.

Trotzt das Kind und weigert sich, sein Essen aufzuessen, dann mobilisiert die Erfindungsgabe der Mutter eine Bedrohung, so etwas wie eine Vogelscheuche, eine Gefahr, die unmittelbar wahrgenommen werden kann, selbst von einem fünfjährigen Kind.

Vor der Krise verkörperte diese Bedrohung der Türke, der Zigeuner oder der böse Nachbar, der vorbeikommt und wie durch Zauberei das Essen vom Teller klaut und das Kind hungrig zurücklässt. In manchen Fällen kann dieser böse Mensch sogar das Kind selbst klauen.

Wie Sie wohl schon verstanden haben, ist die Person, die nach der Krise diese absolute Angst vor Hunger beziehungsweise vor der Entwendung der Existenz selbst personifiziert, Frau Merkel, die „Königin der Sparmaßnahmen“, wie sie von den griechischen Medien bezeichnet wird, die in unserer mediatisierten, fernsehpolitischen Zeit sowieso das Sagen haben.

„Iss auf, sonst rufe ich Merkel . . .“, sagen die griechischen Mütter heute ihren Kindern.

Sie werden wohl erwidern, dass ein ähnlicher Mythos auch für deutsche Mütter gelten kann, die von den faulen, unverbesserlichen und undankbaren Griechen sprechen, die es auf das tägliche Brot der ehrlichen und hart arbeitenden Deutschen abgesehen haben.

Doch das ist der Charme der Mythen, sowohl der „boshaften Kanzlerin“ als auch des „unverbesserlichen Griechen“.

Übersetzt von Kostas Kosmas

Thomas Siomos, 44, moderiert in Griechenland eine Radiosendung über die Zukunft Europas. Er lebt in Thessaloniki.

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