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Angela Merkels Ruf im Ausland : Wer ist diese Frau?

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Der britische „Economist“  sieht Angela Merkel als Bremse für die Weltwirtschaft.

Warum also gibt es so viele Schwierigkeiten mit Griechenland, das ein Land der Union ist? Warum so viel Abneigung gegen die sogenannten Eurobonds? Die Antwort findet sich in einer schlichten Tatsache: Dem deutschen Durchschnittsbürger würde es überhaupt nicht gefallen, die Schulden anderer auszugleichen. Das ist verständlich. Weniger verständlich ist, dass die Kanzlerin ihm nicht erklärt, welche bemerkenswerten Vorteile er bislang von eben dieser Vereinigung hatte, die ihn heute um ein paar Opfer bittet. Die großen politischen Führungskräfte müssten ihrem Volk nicht folgen, sie müssten ihm vorangehen - so sagt man.

Eine letzte Frage. Wenn die europäische Konstruktion durch ein Übermaß an Strenge zerbräche und eine Nation nach der nächsten, also Italien, Portugal und Spanien wie Griechenland, gezwungen wären, aus dem Euro auszusteigen - ist Frau Merkel nicht der Ansicht, dass das eine Katastrophe wäre und dramatische Konsequenzen auch für Deutschland hätte?

Übersetzt von Victoria von Flemming

Der italienische Schriftsteller Mario Fortunato, 53, veröffentlichte zuletzt „Spaziergang mit Ferlinghetti“ (Schöffling & Co).

* * *

Der Mythos

Lídia Jorge, Portugal

Als die frühere Umweltministerin ihr Amt als deutsche Bundeskanzlerin antrat, hieß es in Lissabon hier und da, sie sei viel zu streng, als dass man darin ein gutes Vorzeichen für Europa sehen könnte. Der Ende 2007 unterzeichnete Vertrag von Lissabon galt vielen als ein von ihr eingesetztes strategisches Mittel, die Herrschaft über die Gemeinschaft zu übernehmen, ein Manöver, dem Portugal sich dankbar lächelnd dienstfertig zur Verfügung stellte. Und schon damals war davon die Rede, von Berlin aus werde an einem Netz der Finanzherrschaft gearbeitet.

Mein Bild von der Kanzlerin aber war ein ganz anderes. Zu Beginn ihrer Amtszeit hatte ich sie etwa eine halbe Stunde lang nur wenige Meter von ihr entfernt sitzend erlebt und fand sie interessant. Während Reden gehalten wurden, war sie in Gedanken woanders, blickte lächelnd auf ihre Schuhe, spielte mit den Händen, und ich meinte in ihrem Gesicht etwas Weiches, Menschliches zu sehen, etwas zutiefst Friedfertiges. Dieser Eindruck hielt sich noch einige Zeit und verblasste erst, als die Kanzlerin begann, sich in schroffem, schulmeisterlichem Ton an die Regierungen anderer Länder zu wenden.

Schon damals wurde diskutiert, ob die Kanzlerin das Zeug dazu habe, mehr als die Regierungschefin des eigenen Landes zu werden. Ihr Verhalten in der augenblicklichen Krise zeigt allerdings, dass es dazu kaum kommen wird. Der historische Moment weist zwar in diese Richtung, sie aber scheint nicht gewillt, die ihr zugedachte entscheidende Rolle zu übernehmen. Und doch wird sie sich ihr nicht entziehen können. Die prekäre Lage, in der Europa sich befindet, lenkt den Blick auf das Engelszeichen in Angela Merkels Namen, das man in der Zukunft unweigerlich mit ihr assoziieren wird, und legt nahe, dass ihr, ob sie will oder nicht, bestimmt ist, ein Mythos zu werden. Doch werden ihr dunkle Flügel wachsen, die zum Zerbrechen des Projekts Europa führen werden? Oder umgekehrt? Wird sie helle Flügel entfalten, die dafür sorgen werden, dass sich die uneinigen europäischen Länder hinter ihr sammeln und sich wieder der von den Deutschen vorangetriebenen, fortschrittlichsten politischen Utopie der Welt zuwenden? Welcher Seite wird der Mythos Angela Merkel dereinst zugerechnet?

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