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Angela Merkels Ruf im Ausland : Wer ist diese Frau?

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Angela Merkel wird in Frankreich zuallererst respektiert: als bedeutende Frau mit Charakter. Und dass sie eine Frau ist, die erste Kanzlerin in der Geschichte Deutschlands, bringt ihr in der französischen Bevölkerung wie in der politischen Klasse auf jeden Fall einen Pluspunkt ein. Aber natürlich ist das nicht alles. Denn gerade jetzt, wo sie sich so wenig diplomatisch zeigt, wo man den Eindruck hat, sie wolle mit aller Unbedingtheit ihre Ideen durchsetzen, erinnert sie an einen Betonklotz wie Margaret Thatcher. Auf keinen Fall will sie sich von der Stelle bewegen und setzt - so jedenfalls kommt es uns vor - all ihre Macht ein, um eine versöhnliche Diskussion zu unterbinden. Die Parolen der Härte, Strenge und Unerbittlichkeit, man hört sie in Frankreich nicht gern, weshalb François Hollande, der stattdessen nach Wachstum ruft, sich beliebt macht. Auf der einen Seite die mächtige Dame, die sich auf ihren blühenden Außenhandel stützt, auf der anderen die südlichen Länder Europas, die um Hilfe bitten: Das ist das Bild, das sich in Frankreich eingeprägt hat. Wenn Deutschland und Frankreich in dieser Situation beinahe zu Gegnern werden, weckt das bei vielen Menschen die Sorge, das deutsch-französische Tandem könne diesen Widerstreit nicht aushalten. Eine Sorge, die ich persönlich allerdings gar nicht so sehr teile. Ich halte François Hollande für einen ausgezeichneten Unterhändler, der auch mit Angela Merkel-Thatcher eine Lösung finden wird. Da bin ich sicher.

Protokolliert und übersetzt von Julia Encke

Die französische Philosophin Elisabeth Badinter, 68, veröffentlichte zuletzt „Der Konflikt: Die Frau und die Mutter“ (C. H. Beck).

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Die Walküre

Javier Cercas, Spanien

Irgendwie habe ich die Befürchtung, dass Angela Merkel Gefahr läuft, die Schurkin vom Dienst zu werden, besonders im Süden Europas: Sie ist die Vorkämpferin der Sparsamkeit, die Hüterin der Inflation, eine unbarmherzige Walküre mit dem Auftrag, uns südliche Länder für die Sünden bezahlen zu lassen, die wir all die Jahre hindurch begangen haben. Die ökonomischen Bedingungen, die sie uns dabei aufzwingt, sind unerfüllbar und bringen Gefühle des Grolls und der Demütigung hervor, vergleichbar jenen, die in Deutschland durch die von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs diktierte Wirtschaftsordnung hervorgerufen wurden. Das, so meine ich, ist das Merkel-Bild, das sich im Augenblick durchzusetzen droht; ob es zutreffend ist oder nicht, darüber will ich nicht rechten. Denn es gibt etwas, was mir noch größere Sorgen bereitet.

Mir macht Sorge, dass die Zukunft Europas auf dem Spiel steht, dass Angela Merkel diese Zukunft in Händen hält und manchmal den Eindruck erweckt, als sei ihr nicht ganz klar, was das heißt. Sagen wir es geradeheraus: Das vereinigte Europa ist die einzige vernünftige Utopie, die wir Europäer je ersonnen haben. An scheußlichen politischen Utopien - Paradiesen in der Theorie, die die Praxis in Höllen verwandelte - haben wir so manche erfunden; doch an vernünftigen politischen Utopien meines Wissens nur diese eine. Lassen wir einmal die offensichtliche Tatsache beiseite, dass nur ein vereinigtes Europa die Chance hat, in der Welt irgendetwas darzustellen, eine Kultur und politische Verfasstheit zu bewahren, die besser als jede andere ein Gleichgewicht zwischen Freiheit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit herzustellen vermag. Das ist es, was bei dieser Krise im Kern zur Debatte steht: ob unsere Nachkommen einmal wie Europäer leben können - oder ob sie schuften müssen wie die Tiere.

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