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Merkel auf dem Sprung : Rhetorik des Rückzugs

Hat Angela Merkel die Zeichen verstanden? Setzt sie selbst noch welche? Bild: AFP

Angela Merkel deutet an, dass ihre Kanzlerschaft enden könnte und spricht über ihre Nachfolge. In fein ziselierten Worten zeigt sie Herrscherinnengröße. Nutzt das der CDU bei der Hessen-Wahl? Ein Kommentar.

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          Eine historische Zäsur, eingekleidet in ein Merkelsches Satzgebilde, in dem jedes Wort nur auf Sichtweite zum nächsten formuliert wurde. Angela Merkel spricht über ihre „Nachfolge“, hält eine solche zum ersten Mal in ihrer Parteikarriere für denkmöglich, als Wahlkampfbonbon im Hessischen. „Alle Versuche“, so der ziselierte Schicksalssatz der Kanzlerin, „alle Versuche, dass diejenigen, die heute oder in der Vergangenheit tätig waren, ihre Nachfolge bestimmen wollen, sind immer total schiefgegangen.“ Hmm.

          Neigt man nicht gerade der literaturwissenschaftlichen Richtung zu, welche die unendliche Auslegbarkeit eines unbestimmten Sinns behauptet (différance, différance!), hält man also am Interpretieren zum Zwecke einer Sinnbestimmung fest, so gibt einem alsbald die Kohärenzlücke zwischen „heute“ und „waren“ zu denken.

          Suchen Sie den Fehler: „diejenigen, die heute... tätig waren“. Richtig, statt „waren“ müsste es präsentisch „sind“ heißen: „diejenigen, die heute... tätig sind“ (wenigstens hätte, bei grundsätzlicher Beibehaltung der Satzkonstruktion, das auf die Altvorderen bezogene „waren“ noch durch ein „sind“ ergänzt werden müssen).

          So aber gehört nicht viel freudianische Expertise dazu, um zu erkennen, dass die Kanzlerin sich mit einem grammatischen Kunstgriff aus der Gegenwart herausgenommen und zu einer Figur der Vergangenheit erklärt hat. Das mache ihr in Idee und Ausführung erst einmal jemand nach! Sich selbst auf Lücke aus dem politischen Sprachspiel zu nehmen, so vornehm wie vernehmlich zu verstehen geben: Mein Sein, liebe Leut’, ist ein Gewesensein. Nehmt mein Selbstopfer hin als ein Geschenk zur Hessen-Wahl, auf dass ihr nicht länger versucht seid, mir da am Sonntag einen Denkzettel verpassen zu wollen! Bedenkt doch: Um mich geht es nicht mehr, es geht um Größeres als um mich, es geht um euch, allein um euch, wenn ihr in – na ja, stimmt schon – berechtigter Erwartung meiner Nachfolge dann doch noch die richtige Partei wählt, die Christlich Demokratische Union, die CDU!

          In paradoxer Aufgipfelung ihrer Rede appelliert eine schon entrückte Merkel an die Hessen, es nicht auf ein Paradox ankommen zu lassen: „Es wäre paradox, wenn Sie Ihre Entscheidung für die Zukunft Ihres Heimatlandes Hessen dazu benutzen würden, uns in Berlin eins auszuwischen. Wir werden am Sonntag nicht gewählt.“ Wählt mich, aber haltet mich nicht fest! Setzt euer Kreuzchen am Sonntag nicht vor, sondern hinter meine Person! Ich bin der ich bin nicht: Eine alttestamentlich inspirierte, selbstbestimmte Wahl des Abgangs wird hier greifbar, in weicher Vorzeichnung zunächst. Beziehungsweise, Freud ins Gegenteil verkehrt: Wo es war, soll ich’s nicht noch einmal werden.

          Nach ernüchternder Hessen-Wahl lässt sich aus dieser Vorzeichnung ein kraftvoll in die Zukunft hineinleuchtendes Nachfolge-Gemälde malen, auf welchem Angela Merkel – wer immer als Hauptporträt in ihre Lücke gesprungen sein wird – am unteren Bildrand als Stifterin ins Auge sticht. Denn schon vor der Hessen-Wahl, so weiß man jetzt, hatte Merkel die Bahn für ihre Nachfolge frei gemacht. Anders gesagt: Es muss ihr nächste Woche niemand aus ihrem politischen Talentschuppen etwas beibringen, sie hat es sich diese Woche schon selbst beigebracht.

          Das ist Herrscherinnengröße auch noch im Fall, proaktiv hinzusinken; halb sank sie hin, halb zog er sie. Jawohl, er, der Schäuble war’s, der sie Richtung Ausgang zog, als er rasiermesserscharf sprach, sie, die Merkel, sei nicht mehr „unangefochten“; von da an, spätestens, war sie in all ihrer „Freudigkeit“ (Merkel über Merkel) nur noch in der Vergangenheit tätig und sann auf die passende grammatische Form, in welcher es sich stilvoll aus der Gegenwart stehlen lässt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen (siehe oben). Jetzt kommt es in der Tat allein noch aufs Kreuzchen an der richtigen Stelle an, weit, weit hinter Merkel.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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