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Böhmermanns Schmähkritik : Merkel mischt mit

Zwischen Lob und Kritik: Satiriker Jan Böhmermann. Bild: dpa

In den Medien wurde Jan Böhmermanns Schmähkritik an Erdogan zur Genüge diskutiert. Diesmal mischte sich aber auch die Kanzlerin ein. Wie ist ihr Eingreifen zu verstehen?

          Jan Böhmermann habe sich „bewusst verletzend“ über den türkischen Staatspräsidenten Erdogan geäußert, sagte die Kanzlerin telefonisch dem türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu. Aber das hat Satire nun mal so an sich, dass sie gegebenenfalls auch bewusst verletzt. Und als Satire hat Böhmermann seinen Fernsehbeitrag über Erdogan ausdrücklich kenntlich gemacht. Er wies sein Gedicht ausdrücklich als „Schmähkritik“ aus. Damit war eine Metaebene erreicht: Die Schmähung selbst, ihr Wesen und ihre Form, wurde zum Thema.

          Böhmermann wollte demonstrieren, wie man so eine Schmähkritik anfertigt. Es war also eine Art Muster, das er vorlegte, welches auch dem in Satirefragen nicht geschulten Zuschauer signalisierte, es nicht beim Nennwert nehmen zu dürfen. Sein Hinweis, dergleichen sei auch in Deutschland nicht erlaubt, machte den spielerischen Charakter der Sache vollends kenntlich: Böhmermann wollte einfach mal sehen, wie weit man gehen kann. Und wie von ihm vorausgesagt, nahm das ZDF den Beitrag denn auch aus dem Internet – ein Vorgang, der Grundrechte-Wächter sonst alarmiert, diesmal jedoch erstaunlicherweise kaum beanstandet wird.

          Eilfertig und beflissen

          Und hier bekommt das Merkel-Telefonat zusätzliches Gewicht: Dass die Kanzlerin den türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu in besagter Sache von sich aus anrief, mag angesichts der politischen Großwetterlage begreiflich sein – aus pragmatischen Erwägungen heraus ist ihr an einem auskömmlichen Verhältnis zur Türkei gelegen. Trotzdem erweckt sie damit den Eindruck des Eilfertig-Beflissenen. Schwerer wiegt noch ihr Hinweis auf die Beitragsentfernung durch das ZDF: Es ist leider etwas Dummes passiert, aber wir haben den Fehler ja sofort behoben.

          Dass sie den Vorgang überhaupt erwähnt, lässt auf Billigung schließen. Und was hätte sie Davutoglu gesagt, wenn der Beitrag noch nicht entfernt gewesen wäre? Ich kümmere mich drum? So aber ergibt das peinliche Manöver auch noch die Schlagzeile: „Merkel rügt Böhmermann“ (ergänze: wie einen Rotzlöffel) – staatstragender ging’s schon lange nicht mehr zu. Man muss Böhmermann nicht mögen, aber ihn seine Arbeit machen lassen. Der Eifer, mit dem man ihm nun nachzuweisen versucht, dass er danebengegriffen hat, verrät eine irritierende Einigkeit und wird sonst (Mohammed-Karikaturen, Charlie Hebdo) darauf verwendet, die Pressefreiheit zu verteidigen, und zwar – das ist ja gerade ihr Witz – unabhängig von Geschmacksfragen.

          Dass ein Erdogan-Spottlied der Sendung „Extra 3“, das nichts enthielt, was man nicht sowieso über den Präsidenten wusste, dagegen so gut ankommt, bestätigt ein verbreitetes Satireverständnis: irgendetwas halt „mit spitzer Feder“. Nur zu spitz darf sie natürlich nicht sein. Das zu beurteilen ist aber immer noch Sache der Gerichte.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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