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Angela Merkel : Die Fremde

  • -Aktualisiert am

Ruhiger Wahlkampf ohne Kanten: Angela Merkel Bild: dpa

Vor vier Jahren sollte es ein ehrlicher Wahlkampf werden, in diesem Jahr ein redlicher. Ende der Woche ist Wahlkampfabschluss in Berlin, und das war es dann. Aber was war das eigentlich? Angela Merkels anderer Wahlkampf.

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          Das ist jetzt Kassel, aber es könnte irgendwo sein. Der Platz ist halb gefüllt, auf den Dächern steht Polizei. Auf der Leinwand läuft ein Film, der Angela Merkel in einer Reihe mit den anderen Kanzlern der Union zeigt. Dann spielt eine Band. Danach kommt sie. Sie nimmt den Weg durch die Menge. Auf der Bühne ein kurzes Geplänkel mit dem Moderator, der sie, man ist in Kassel, nach der Documenta fragt.

          Sie sagt, dass sie die bildende Kunst möge. Später hält sie eine Rede, in der sie, man ist am ehemaligen Zonenrand, das Glück der deutschen Einheit preist. Dafür und ohne dass man einen Zusammenhang erkennen könnte, unterlässt sie diesmal einen Hinweis darauf, dass sie gern backt. Ansonsten ist alles wie immer. Angriffe auf einen politischen Gegner fehlen. Am Abend wird sie noch in Mainz auftreten und Ende der Woche beim Wahlkampfabschluss in Berlin, und das war es dann. Aber was war das eigentlich?

          Momente, in denen es darauf ankommt

          Angela Merkel hat zwei Wahlkämpfe um das Amt der Bundeskanzlerin geführt. Vor vier Jahren kämpfte sie darum, es zu erringen, dieses Jahr kämpft sie dafür, es zu behalten. Vor vier Jahren überzog sie die Marktplätze mit Zahlen über Lohnnebenkosten und Staatsverschuldung und machte mit dem politischen Quereinsteiger Paul Kirchhof aus dem Wahlkampf einen Grundkurs im Steuerrecht. Jeder sollte wissen, was auf ihn zukam. In diesem Jahr vermeidet sie Angriffe auf die Sozialdemokraten, den politischen Gegner, mit dem sie eine Legislaturperiode regiert hat und über den sie an deren Ende nicht plötzlich schlecht reden will. Vor vier Jahren sollte es ein ehrlicher Wahlkampf werden, in diesem Jahr ein redlicher. Auf den ersten Blick hat der eine nichts mit dem anderen zu tun. Dann würde man jedoch übersehen, dass die Strategien, die beiden zugrunde lagen, vollkommen anders funktionierten, als es die Bundesrepublik in Wahlzeiten gewohnt war.

          Wahlkampf mit ruhiger Hand: Angela Merkel

          Wahlkämpfe waren im Nachkriegsdeutschland stets eine Zeit ritualisierter Auseinandersetzungen, in denen es mal stärker um Themen („Keine Experimente“), mal um Personen („Kohl muss weg“) ging, bei denen es jedoch nicht üblich war, dem Wähler genau zu erklären, was ihm außer seiner Stimme noch alles abverlangt werden würde. Keiner hatte sie aufgeschrieben, aber das schienen die Regeln der Veranstaltung zu sein, und jeder, der daran teilnahm, setzte darauf, dass die anderen sie einhielten, vom Kandidaten über den Journalisten bis zum Wähler, ob bei der Marktplatzrede oder beim Fernsehduell. Dann kam Angela Merkel, die viele Wahlkämpfe der Bundesrepublik nur von ferne erlebt hatte, und machte, sobald sie dazu in der Position war, alles anders. Vor vier Jahren kündigte sie den Wählern auf den Mehrwertsteuerprozentpunkt genau an, was sie nach der Wahl unternehmen würde, um die Staatsverschuldung abzubauen. In diesem Jahr widersetzte sie sich der Logik, dass sich ihr Profil nur im Streit mit dem Gegenkandidaten schärft, und sprengte so das Fernsehduell. Zu einer Diskussionsrunde mit den Vertretern der Opposition ging sie gar nicht mehr hin.

          Wessen Träume eigentlich?

          Es wird gern gefragt, was anders ist an Angela Merkel, die den größeren Teil ihres Lebens in einem Land verbracht hat, das nicht die Bundesrepublik war. Dabei müsste man sich nur das Porträt ansehen, das ihre Wahlkämpfe zeichnen. Fast zwanzig Jahre bewegt sie sich im politischen System der Bundesrepublik, aber es überrascht dann doch, dass sie sich in den Momenten, in denen es darauf ankommt, dafür entscheidet, sich anders zu verhalten, als es die Wähler, auf die sie angewiesen ist, gewohnt sind. Die Frage ist nur, ob das von ihnen auch verstanden wird.

          Vor vier Jahren lag Angela Merkel in den Umfragen mit ihrer Partei lange und mit großem Abstand vor den Sozialdemokraten. Am Ende hatten sich die Demoskopen geirrt. Von dem Vorsprung blieb ein Hauch - und vom Wahlabend die Szene, als sie der abgewählte Bundeskanzler vor laufenden Kameras zurechtwies. In diesem Jahr liegt sie erneut und mit großem Abstand vor den Sozialdemokraten. Aber in ihrer Partei regt sich Unruhe, wenn auch keine offene Kritik darüber, dass sie sich den Ritualen entzieht, die zu einem Wahlkampf zu gehören scheinen. Sie wirkt jetzt manchmal - wie auf den Plakaten, die nur sie, die Kanzlerin, zeigen - ganz auf sich gestellt. Am Sonntagabend wird man wissen, ob sie es ist. Es gibt Menschen, die sind in der Lage, ihre Umgebung zu verändern, und es gibt Menschen, die werden von ihrer Umgebung verändert. Es kann aber sein, dass auf Angela Merkel beides nicht zutrifft.

          Am Ende ihres Auftritts in Kassel stehen die Leute auf und singen mit ihr noch die Nationalhymne, so wie am Ende jeder Wahlkampfveranstaltung der Union aufgestanden und die Nationalhymne gesungen wird. Danach verlässt Angela Merkel die Bühne, die Regie spielt „Angie“ ein, von den Rolling Stones, auch das ist jedes Mal so. Es scheint niemanden zu stören, dass es in diesem Lied um das Ende einer Beziehung geht. „All the dreams we held so close / seemed to all go up in smoke“, singt Mick Jagger. Aber das hört Angela Merkel schon nicht mehr. Und überhaupt, wessen Träume eigentlich?

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