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Angela Merkel bei „Mein Film“ : Lass deinen Drachen steigen!

Die Kanzlerin im Kino Bild: AFP / Fabrizio Bensch

Wer die Bundeskanzlerin bei anderen Kulturgelegenheiten als gelangweilte Festrednerin erlebt hatte, konnte sich nur die Augen reiben: Angela Merkel stellte in der von der F.A.Z. mitorganisierten Reihe „Mein Film“ Heiner Carows „Legende von Paul und Paula“ vor.

          Geh zu ihr, singen die Puhdys, „geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen! Geh zu ihr, denn du lebst ja nicht vom Moos allein. Augen zu, dann siehst du nur diese eine! Halt sie fest und lass deinen Drachen steigen!“ Dazu sieht man einen Mann im weißen Hemd, der mit einer Axt eine Wohnungstür zertrümmert. Drinnen liegt eine junge Frau auf dem Bett, sie schreit „Nein! Nein! Nein!“, dann umarmen sich die beiden, unter Küssen schluchzend und lachend. Die Nachbarschaft ist vollständig versammelt, einer macht ein Erinnerungsfoto. Das ist „Die Legende von Paul und Paula“, der Lieblingsfilm der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das zurückliegende Jahrhundert hatte keinen Mangel an Politikern, die gern ins Kino gingen. Stalin sah sich mit seinen Getreuen im Kreml gern amerikanische Musicals an, Hitler saß mit Goebbels vor der Leinwand und bewunderte Marika Rökk, und für Mao ging nichts über den indischen Schmachtfetzen „Der Vagabund von Bombay“ mit Raj Kapoor. Aber erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde das Kino zur Generationenerfahrung. Auf einmal machte es einen gewaltigen Unterschied, welche Filme man mit siebzehn oder achtzehn gesehen hatte, welche Songs darin gespielt worden, welche Schauspieler darin aufgetreten waren. Es gab die Generation, die mit Georg Tresslers „Halbstarken“ und Nicholas Rays „Rebels without a Cause“ aufgewachsen war, die Generation der Italo-Western und Uschi-Glas-Komödien, die Generation von „Star Wars“, „La Boum“ und „Saturday Night Fever“ und die von „Batman“, „Jurassic Park“ und dem „Bewegten Mann“.

          Die Realität im Kino

          Und es gab, in einem kleinen sozialistischen Land vor unserer Zeit, eine Generation, für die mit Heiner Carows „Legende von Paul und Paula“ etwas ganz Neues anfing - oder besser: anfangen sollte, denn das bessere, freiere, authentischere Leben und Lieben, das der Film aufblitzen ließ, erwies sich im DDR-Alltag der siebziger Jahre schon bald als Trugbild. Aber im Frühjahr 1973, als die „Legende“ ins Kino kam, waren die Bilder noch ganz frisch, aufregend und ungewohnt. Erich Honecker, der neue mächtige Mann im Arbeiter- und Bauernstaat, hatte den Film persönlich freigegeben, gegen die Proteste seiner Nomenklatur. Er wollte, sagte er, dass die Jugend eine Stimme bekomme. Und zu dieser Jugend von Dreiundsiebzig gehörte auch die Absolventin der Erweiterten Oberschule Templin, Angela Kasner, künftige Physikstudentin in Leipzig und spätere Dr. Merkel.

          Liebe vor der Tür: Angelica Domröse und Winfried Glatzeder in „Die Legende von Paul und Paula“

          Sie habe den Film damals im Frühsommer gesehen, kurz vor ihrem Wechsel nach Leipzig, erzählte die Bundeskanzlerin am Sonntagabend nach der Vorführung im Berliner Programmkino „Filmkunst 66“, und es sei für sie „einfach sensationell“ gewesen, dass darin „die Realität im Kino erschien“. Das ist ein ziemlich erstaunlicher Satz, wenn man bedenkt, wovon „Die Legende von Paul und Paula“ handelt. Denn es geht darin um eine Leidenschaft, die quer zu allem steht, was in der DDR die sozialistische Norm war.

          Die Wiederverzauberung der Welt

          Paul (Winfried Glatzeder), ein unglücklich verheirateter junger Referent im Außenhandelsministerium, lernt nach vielen Umwegen die alleinerziehende Paula (Angelica Domröse) kennen, und die beiden werden ein Paar. Aber nicht irgendein Paar. Wenn man die beiden heute sieht, muss man sowohl an Belmondo und Jean Seberg in „Außer Atem“ denken als auch an Fanny Ardant und Gérard Depardieu in „Die Frau nebenan“. Irgendwo dazwischen, zwischen Popfilm und Melodrama, liegt Carows Film. Da sind die frechen, sprunghaften Schnitte der frühen Nouvelle Vague und die Liebestragödien des späten Truffaut. Da sind die Uniformen der NVA und die Minikleider der siebziger Jahre. Da sind die romantische Liebe im Bauwagen und die unverblümte Anmache in der Alexanderplatz-Disco. Und da sind die Puhdys, die der Film berühmt machte, mit ihren Kirchentagshymnen: „Jegliches hat seine Zeit,/Steine sammeln, Steine zerstreu’n,/Bäume pflanzen, Bäume abhau’n,/leben und sterben und Streit.“

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