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Weibliche Machtgeschichte : Stimmen Sie ab!

  • -Aktualisiert am

Der Moment des Triumphes der Kanzlerin: Angela Merkel mit der neuen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrnbauer und der neuen EU-Kommissionapräidentin Ursula von der Leyen Bild: Hans Christian Plambeck/laif

Im richtigen Moment setzt sie sich an den Rand, faltet die Hände und schaut lächelnd auf ihr Werk. Wie Angela Merkel weibliche Machtgeschichte schreibt.

          „Inspiring women“ hieß im April 2017 der Titel des W20-Gipfels. Angela Merkel saß damals zusammen mit der Tochter des amerikanischen Präsidenten, Ivanka Trump, IWF-Chefin Christine Lagarde, Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland, Anne Finucane, Vizechefin der Bank of America, der kenianischen High-Tech-Gründerin Juliana Rotich, Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin eines schwäbischen Maschinenbauunternehmens und Königin Maxima der Niederlande auf einem Podium. Und die Journalistin Miriam Meckel fragte: „Sehen Sie sich selbst als Feministin?“ Ivanka Trump meldete sich erst, nahm dann den Arm wieder herunter und hob ihn schließlich erneut. Christine Lagarde bejahte gleich und feuerte Angela Merkel an, ihren Finger zu heben. Doch Merkel legte den Kopf schief, lächelte ihr wissendes Merkellächeln, nahm die Schultern hoch, zog eine Schnute, fing mehrere Sätze an, die unvollständig blieben, und sagte dann, dass sie sich nicht mit einem Titel schmücken wolle, den sie nicht habe. „Ich habe keine Angst. Stimmen Sie ab. Wenn Sie finden, dass ich eine bin, ok.“

          Es gab damals keine Abstimmung, obwohl es eine interessante Spontanaktion gewesen wäre – mit einem womöglich nicht so günstigen Ergebnis für Merkel, allein weil sie sich zum Feminismus nicht bekennen wollte. Und das würde sie heute wohl auch nicht tun. Sie schafft lieber Tatsachen. Sie setzt sich – während alle noch damit beschäftigt sind, darauf zu lauern, ob sie erneut als „Die zitternde Frau“ zu sehen sein wird und was dieses Zittern zu bedeuten habe – an ihrem 65. Geburtstag ins Schloss Bellevue neben ihre neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und die neue EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und erschafft ein Bild, das jetzt schon historisch ist: Merkel nicht in der Mitte der Frauen, denen sie gerade zu Schlüsselpositionen verholfen hat, sondern am Rand. Die Füße hält sie gekreuzt, die Beine gerade, nicht schräg übereinandergeschlagen wie AKK und Leyen in synchroner Geste neben ihr. Alle drei lächeln. Es ist der Moment des Triumphs der Kanzlerin und mehr als nur ein symbolisches Gegenbild zum berühmt gewordenen Foto der Führungsmannschaft des Bundesinnenministeriums im vergangenen Jahr: Da präsentierte sich Horst Seehofer im Zentrum seiner natürlich ausschließlich männlichen leitenden Mitarbeiter – und trotzig als Vertreter einer überholten Zeit.

          Oft wird behauptet, Merkel fehle es an langfristigen Plänen, hier offensichtlich nicht: „Die Quoten waren wichtig, aber das Ziel muss Parität sein – Parität überall, ob in der Politik, in der Wirtschaft, in der Verwaltung und eben auch in der Wissenschaft und im Übrigen auch im kulturellen Bereich“, sagte sie im November im Deutschen Historischen Museum in ihrer Rede zur Feier „100 Jahre Frauenwahlrecht“. „Wenn Sie sich einmal anschauen, wie viele Dirigentinnen es gibt, wie viele namhafte Malerinnen und Frauen im künstlerischen Bereich, dann müssen Sie sich doch fragen, dass es doch nicht sein kann, dass Frauen da weniger talentiert sind. Auch da müssen wir ihnen durch gezielte Förderung Durchbruch verschaffen und Bekanntheit verschaffen, um voranzukommen. Das gilt wirklich für alle gesellschaftlichen Bereiche.“

          Wie „gezielte Förderung“ geht, hat sie jetzt, gegen Ende ihrer Kanzlerinnenzeit, mit ihrer vollendeten „Bad Banks“-Taktik vorgemacht. Dass ausgerechnet die politisch eher uninspirierende „Christliche Damen Union“, wie die „taz“ das Trio diese Woche nannte, weibliche Macht-Geschichte schreibt, ist zwar bitter für alle, die, weiter links, seit jeher für die Gleichheit der Geschlechter eintreten. Was Merkel kann, können andere aber auch. In den Techniken ihrer Machtausübung ist sie tatsächlich eine „Inspiring Woman“.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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