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Andrea Camilleris „Riccardino“ : Sein letzter Fall

Wollte sich von seinem Protagonisten rechtzeitig befreien: Andrea Camilleri Bild: Picture-Alliance

Ein anstrengendes Vergnügen: Der im vergangenen Jahr verstorbene Krimiautor Andrea Camilleri hat das Finale um seinen Ermittler Montalbano schon 2005 geschrieben und elf Jahre später überarbeitet. Nun ist es erschienen.

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          In Vigàta wird der junge Filialleiter der Regionalbank morgens auf offener Straße erschossen. Kommissar Montalbano nimmt, kein bisschen müde, auch wenn ihn immer häufiger Schlaflosigkeit plagt, die Ermittlungen auf, und als ihm sein neuer, aus dem Piemont stammender Vorgesetzter den Fall entziehen will, legt der Bischof von Montelusa sein Wort für ihn ein. So, fast konventionell, beginnt der Kriminalroman „Riccardino“ von Andrea Camilleri, der genau einen Tag vor dem ersten Todestag des Schriftstellers, am 17. Juli, in Italien erschienen ist. Vorab hatte es manche Anekdote über dieses Buch gegeben. So soll der Autor das Manuskript seinem Verlag, Sellerio in Palermo, bereits 2005 mit der Auflage anvertraut haben, es postum zu veröffentlichen. Elf Jahre später hat er den Text überarbeitet – aber nur sprachlich, ohne die Handlung zu verändern, so dass der Verlag nun für Philologen auch eine Doppelausgabe mit beiden Versionen – der von 2005 und der von 2016 – anbietet.

          Eine naheliegende Hommage

          Es ist nicht der letzte Montalbano-Krimi, achtzehn weitere folgten nach 2005 noch, aber derjenige mit dem letzten Fall. Camilleri wollte nicht, dass es ihm ergeht wie seinem frühverstorbenen Kollegen, dem Spanier (und Taufpaten seines Kommissars) Manuel Vázquez Montalbán, der sich nicht mehr von seinem Protagonisten, dem Privatdetektiv Pepe Carvalho, „befreien“ konnte. Neu ist, dass der zunächst provisorische Titel nur aus einem Namen besteht und keine literarischen Echos enthält, und als sich Salvo Montalbano dem Tatort nähert, geschieht etwas noch nie Dagewesenes: „Das ist ja der Commissario Montalbano“, rufen die Leute auf der Straße, in den Fenstern und auf den Balkonen; einer fragt: „Wie, der aus dem Fernsehen?“, und ein anderer antwortet: „Nein, der Echte!“

          Der Held aus dem Buch und der Held vom Bildschirm sind nicht identisch, beide treten in „Riccardino“ sowohl miteinander als auch mit dem Autor in Dialog. Ein Spiel wie bei Luigi Pirandello! Dass Camilleri im Montalbano-Finale diese Hommage unterbringt, ist buchstäblich naheliegend, hatte er, der in Porto Empedocle geboren wurde und aufgewachsen ist, zu dem Literaturnobelpreisträger doch immer aufgeschaut: Oberhalb der Hafenstadt und unterhalb von Agrigent befindet sich im Ortsteil Kaos die Villa der Familie Pirandello. Und wie klingt die sizilianische Krimi-Saga aus? Stirbt Montalbano? Oder setzt sich der Genussmensch mit der Vorliebe für Rotbarben und Couscous in der Trattoria San Calogero zur Ruhe? Zieht er gar, noch schwerer vorstellbar, ins ferne Genua, um seine Dauerverlobte Livia zu heiraten? Es gebietet an dieser Stelle die Ehrlichkeit, einzugestehen, dass die Lektüre des in einer ironisch-lebendigen (schier unübersetzbaren) Kunstsprache komponierten Romans ein anstrengendes Vergnügen ist und noch nicht zu Ende geführt wurde. Aber das muss gar nicht sein. Wie ein Krimi ausgeht, darf ja ohnehin nicht verraten werden.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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