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André Hellers Pferderevue : Mit Flügeln und Hörnern

  • -Aktualisiert am

Es gibt sie wirklich: Eine Dresseurin und ihr Einhorn in „Magnifico” Bild: dpa

Alles, nur kein „Appassionata“: André Heller präsentiert in München seine Pferderevue „Magnifico“. Zu sehen gibt es Einhörner, schwebende Seepferdchen und ein riesiges Walross. Die Show ist ihm geglückt.

          Viele Menschen gibt es nicht, die ein Einhorn gesehen haben. André Heller gehört zu den Glücklichen. Aber weil der Wiener Künstler mit dem somnambulen Gespür für alles Immaterielle und Vorüberhuschende, Ungreifbare, Schwebende und Zerrinnende, das Märchenhafte, die Legenden und die Mythen sich schon immer durch eine schier grenzenlose Selbstlosigkeit ausgezeichnet hat, führte er nun in München das Tier ins Zelt seiner neuen Show „Magnifico“.

          André Heller, der phantastische Realist, hat sich nicht mit der Erklärung des Schriftstellers Said abgefunden, wonach das Einhorn nachts in öffentlichen Bibliotheken sitze und in dicken Büchern blättere auf der Suche nach dem Beweis seiner eigenen Existenz. Heller hat akribisch vorbereitete Expeditionen unternommen, nach Marrakesch und New York, ins Reich der Mitte und nach Andalusien. Was er fand, hat er in einem Kaleidoskop aus dreißig bizarr-schönen Szenen zu einem Versuch verbunden, die Unwahrscheinlichkeitstheorie zu untermauern. Es ist ihm auf magische Weise geglückt.

          Ungezügeltheit und harmonische Eleganz

          Und mit dem Einhorn nicht genug. Heller hat sie alle versammelt, die unsere kindliche Phantasie und unsere ausgewachsene Vorstellungskraft seit jeher befeuert haben: antike Kentauren, die unversehens in eine New Yorker Gang geraten und ihr erotisches Bewegungsritual zu Corellis Streichersuite d-Moll um ein paar lüsterne Hüftschwünge zu brachialen Hip-Hop-Klängen von Leftboy erweitern; einen kleinen hölzernen und einen großen lebenden Pegasus, der seine Flügel schlagen lässt und zu Tschaikowsky-Klängen poetische Gedanken auslöst; ein riesiges Walross, das auch mit der Stimme John Lennons nicht aus der Ruhe zu bringen ist; ein gigantisch schwebendes Seepferdchen und arabische Vollblüter um tanzende Derwische; die hohe spanische Reitschule, die ihre Hufschläge an das Zapateado-Staccato eines Flamenco-Paares abgetreten hat; ein Trojanisches Pferd und Edward Muybridges auf die Leinwand projizierte Bewegungsstudien von Rennpferden.

          Auch eine Hochseil-Artistin ist dabei

          André Heller wollte keine Pferdeshow wie „Appassionata“ machen, eher eine Show mit Pferden, die er mit akrobatischen, phantastischen und clownesken Bildern anreicherte, so leicht und unverbunden, wie sie kein konsequentes Denken zusammenzwingen und keine Freudsche Traumtheorie deuten könnte. Es ist ein Guckkasten mit bunten Glassteinchen geworden, eine artistische Schönbildschau, in der die Pferde in ihrer Ungezügeltheit und harmonischen Eleganz, ihrer ausschweifenden Freiheitsgestik im buchstäblichen Sinn ihr Eigenleben vorführen - denn André Heller hat keine Dressurakte aufgenommen, die den Tieren etwas aufzwingen oder gegen ihren Bewegungsrhythmus gerichtet sind.

          Keine Unterschiede zwischen Traum und Wirklichkeit

          Das wird umso bewusster angesichts einer Akrobatik, die sich offenbar gegen die menschliche Natur richtet: mit der Ballerina Eliza Khachatryan und ihrem Spitzentanz auf dem Hochseil oder der Kopfüberdame Clara Ruiz, die an der Decke spazieren geht; mit dem Gleichgewichtskünstler Rigolo, der die Schwerkraft aufzuheben scheint, und den Meisterakrobaten aus China, mit den grandiosen Schattenkünstlern von Pilobolus und ihren wundersamen Verschlingungen, mit einer jodelnden Spinne Adelheid und einem menschenverschlingenden Irgendetwas.

          André Heller kann all das zusammenbringen, weil er keine Unterschiede zwischen Traum und Wirklichkeit macht. Damit scheint er allerdings näher an den Tatsachen zu sein als mancher Zeitgenosse, der etwa immer noch glaubt, Börsenkurse hätten etwas mit realen Werten zu tun und Wissenschaft biete absolute Sicherheit. Heller akzeptiert dazu hohe und niedere Künste. Er kann die neunte Violinsonate von Beethoven mit einem Drahtseilakt übermalen und Teile von Mozarts Jeunehomme-Konzert in der Interpretation durch Clara Haskil, das musikalische Mysterium schlechthin, mit Rigolos Akrobatik verbinden. Hut ab.

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