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André Glucksmann : Kommunist, Maoist, endlich Atlantiker

André Glucksmann, 1998 Bild: F.A.Z.-Barbara Klemm

Der zornige junge Mann der französischen Philosophie wird siebzig Jahre alt: André Glucksmann verfasste bedeutende Streitschriften und banale Traktate. Doch sein Werdegang ist spannender als sein Werk.

          Lange liegen die großen Schlachten der antiideologischen Aufklärung zurück. Und Frankreichs damals „Neue Philosophen“, die sie angezettelt haben, sind ins Alter gekommen. Als in Deutschland um die Wende der achtziger Jahre die Friedensbewegung grassierte, beschimpfte André Glucksmann die grünen Pazifisten als „Juden des Dritten Weltkriegs“. Ihn durch Wehrhaftigkeit zu verhindern ist das Hauptmotiv von Glucksmanns Denken. Saddam Hussein - im Golfkrieg - und auch noch Milosevic konnten von den antitotalitären französischen Intellektuellen, zu denen neben Glucksmann Figuren wie Alain Finkielkraut, Bernard-Henri Lévy und Pascal Bruckner gehören, problemlos mit Hitler gleichgesetzt werden.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Doch seit dem 11. September bröckeln die Fronten. Glucksmann indes unterstützte Bush auch auf dem Kreuzzug nach Bagdad. Zuletzt machte er mit einer Wahlempfehlung für Nicolas Sarkozy Schlagzeilen. Dass er seine Überzeugungen bei ihm besser aufgehoben sieht als bei den Sozialisten, entspricht durchaus der Logik seines Werdegangs. Immerhin ist jetzt ein Weggefährte der antitotalitären Aufklärung, aus der die Pflicht zur militärischen und humanitären Intervention hervorging, Außenminister: Bernard Kouchner, Mitbegründer der „Ärzte ohne Grenzen“.

          Versöhner von Sarte und Aron

          André Glucksmann entstammt einer jüdischen Familie, die nach Frankreich emigrierte. Der Vater wurde von den Nazis umgebracht, die Mutter kämpfte im Widerstand. „Als radikaler Antifaschist wurde ich Kommunist“, erzählt der Sohn. „1945 habe ich mit dem Parteiorgan ,L'Humanité' lesen und rechnen gelernt. Ich wollte den Stimmenanteil der Partei kennen.“ Dass dieser von damals rund dreißig auf unter fünf Prozent gefallen ist, darf auch dem Einfluss der „Neuen Philosophen“ zugeschrieben werden. Gut zehn Jahre vor dem Fall der Mauer bekämpften sie in Frankreich den Marxismus, der in der Kultur über die Hegemonie verfügte. Glucksmann und seine Mitstreiter hatten sich nach dem Kommunismus zunächst dem Maoismus verschrieben. Die „Nouvelle Philosophie“ brach mit der Utopie und entdeckte die Menschenrechte. Glucksmann versuchte die Versöhnung der intellektuellen Gegenspieler Jean-Paul Sartre und Raymond Aron: Gemeinsam plädierten sie beim Staatspräsidenten für die Aufnahme der vietnamesischen „Boat People“.

          Diesem Engagement folgte die Auseinandersetzung mit den deutschen Pazifisten um 1980. „München“ - die Kapitulation der Demokratien - war in den Blickpunkt gerückt. Der im Idealfall prophylaktische Kampf gegen Diktaturen wurde zum neuen politischen Imperativ. Vor allem wenn sie, wie bei den ethnischen Säuberungen in Jugoslawien, Bezüge zum Zweiten Weltkrieg aufwiesen.

          Bedeutende Streitschriften, banale Traktate

          André Glucksmanns Wirken und Werdegang sind spannender als sein Werk. Es besteht aus bedeutenden Streitschriften und banalen Traktaten. Als Schüler von Raymond Aron hatte er sich mit Clausewitz beschäftigt. „Die Köchin und der Menschenfresser“ bleibt ein Meilenstein der Marxismuskritik. „Die Meisterdenker“ sind eine einleuchtende Abrechnung, die aber über die Jahre hinweg in eine pauschale Intellektuellenschelte mündete. Als alle Welt über Chirac herfiel, verklärte ihn Glucksmann, der Philosoph der Abschreckung, zum Kriegsführer - und was anderes muss ein Staatschef sein? Der Dummheit, dem Hass und dem Guten wie dem Bösen hat er Abhandlungen gewidmet, die dem politischen Kontext verhaftet bleiben, in der Geschichte der Philosophie aber kaum überleben werden. „Hitler bin ich“, hat er in seinem Eifer der Aufarbeitung einmal erklärt, um die Mitverantwortung aller anzumahnen.

          Überzeugender war ein Artikel vor ein paar Monaten zum dreißigsten Jahrestag von Maos Tod. Als einziger französischer Intellektueller hat sich Glucksmann nicht mit kaum verhohlenem Stolz über die militante Vergangenheit, sondern voller Scham über die Komplizenschaft für den Massenmord geäußert. Auch seine Auseinandersetzung mit dem Mai 68 ist differenziert - und lässt erkennen, warum aus dem Studentenprotest kein Terrorismus hervorgegangen ist.

          Seit Jahren plädiert André Glucksmann für das Selbstbestimmungsrecht Tschetscheniens, von wo aus er einmal als verschollen gemeldet wurde. Ob die Regierung Sarkozy mit Außenminister Kouchner, seinem Genossen aus kämpferischeren Tagen, seiner Unterstützung im Wahlkampf gerecht werden kann, wird sich sehr schnell weisen. In seinen soeben in deutscher Sprache erschienenen Erinnerungen „Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens“ zieht André Glucksmann Bilanz: Heute wird der zornige junge Mann der französischen Philosophie siebzig Jahre alt.

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