https://www.faz.net/-gqz-6vhgk

Anders Breivik : Zurechnung

  • -Aktualisiert am

Anders Breivik wurde als vieles beschimpft, und jetzt soll er schlicht der Unzurechnungsfähige sein. Wenn dem wirklich so ist, muss man sich fragen, was aus dem Bösen geworden ist.

          1 Min.

          Angesichts ungeheuerlicher Taten wird die Sprache oft unsicher. Wie etwa Anders Breivik, der Massenmörder von Oslo in den Zeitungen bezeichnet wurde, schwankte stark. „Breiviks Anwalt spricht: Darum verteidigt er das Monster“, hieß es im Schweizer „Blick“. Auch die „New York Times“ sprach vom „Right-wing Monster“, die „Welt“ von einem „Monster in Menschengestalt“. Der „Daily Express“ hingegen bezeichnete Breivik als Teufel, und „Bild“ hält schon eine ganze Weile an „Teufels-Killer“ fest, versuchte es aber auch schon mit „Killer-Bestie“ und wusste kurz nach dem Massaker sogar etwas vom „kranken Hirn des Muttersöhnchens“.

          Ihre Phrasen verköpern sich in einem Gutachten

          Nun ist der Teufel weder ein Muttersöhnchen noch eine Bestie und vor allem nicht krank. Monster wiederum sind gerade dadurch definiert, keine Menschengestalt zu haben. Tiere werden nicht bestraft und produzieren auch keine abendländischen Schriftsätze zur Erklärung ihrer Bestialität. Auf solche Gesichtspunkte der Wortwahl nimmt das Metapherngestöber keine Rücksicht.

          Gewiss, man soll die Bilder nicht sofort auf die Goldwaage legen, sie dienen auch der Schreckabfuhr sowie der öffentlichen Mitteilung von Verachtung, weshalb man nicht wählerisch ist und es, wie beim „Schwein“, weder wörtlich noch bildlich konsistent meint. Doch jetzt laufen all diejenigen, die ein Monster, einen kranken Irren, eine Wahnsinnstat oder die einer Bestie zu erkennen glaubten, auf den Punkt zu, an dem ihre Phrasen verkörpert werden: in jenem Gutachten norwegischer Psychiater, die Breivik für nicht zurechnungsfähig erklären. Weil er in einem „wahnhaften Universum“ lebe, sich als „Auserwählter“ vorkomme, mit Lizenz zum Töten.

          Sind das etwa alles Fälle für die Klinik?

          Und Himmler? Schuldunfähig, weil Bestie? Jeschow und Beria? Unzurechnungsfähig qua Monstrosität? Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe? Der Una-Bomber? Keine zusammenphantasierten Universen mit übermoralischem Sonderauftrag? Mörderischer Antisemitismus oder Ausländerhass, ein Fall von Paranoia, ergo Gummizelle? Die RAF mit ihrem Programm der Befreiung Vietnams durch Erschießen von Kammergerichtspräsidenten mit anschließender Weltrevolution?

          Alles Fälle für die Klinik? Oder nicht vielmehr Selbstverkapselung im Sinne von Bewusstsein ohne Außenlicht? Kälte, hypertrophes Kausalitätsdenken, Herzlosigkeit bis zum Äußersten, entgleister Verstand - kurz: Böses. Elaboriert Böses, überschlau Böses, großmäulig Böses - zurechenbar Böses. Wo steht denn, dass die extremste Niedertracht auf einem Mangel im Kopf beruht?

          Topmeldungen

          Vereint im Wandel der Autobranche: VW-Betriebsratsvorsitzender Bernd Osterloh (links) und VW-Chef Herbert Diess

          Konkurrenz von Tesla für VW : Eine Wette auf die Elektromobilität

          Tesla ist ein ganz neuer Typ von Wettbewerber, der jetzt Maßstäbe setzt. VW-Chef Diess und Betriebsratschef Osterloh reagieren – und setzen auch auf Hilfe aus Brüssel.
          Der ADAC ist „nicht mehr grundsätzlich“ gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung.

          Tempolimit : Die freie Fahrt erhalten

          Hände weg von einem starren Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen. Es bringt nichts, beschneidet die Freude am Fahren, und außerdem gibt es schlauere Lösungen. Ein Kommentar.

          Johnson vs. Trump : Die Ironie des Brexits

          Eigentlich sollten die britisch-amerikanischen Beziehungen nach dem Brexit enger werden. Doch Boris Johnson legt sich gleich an drei Fronten mit dem amerikanischen Präsidenten Trump an – und bleibt auf Linie mit Berlin und Paris.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.