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Utopien wagen : Kreativkälte

  • -Aktualisiert am

Dieses Bose-Einstein-Kondensat wurde im All erzeugt. Wenn das möglich ist, wieso dann nicht auch eine „andere Welt“? Bild: MAIUS-Projektteam/J. Matthias

Menschen haben schon so einiges erfunden, das für ihre Artgenossen schwer zu begreifen ist. Warum bewegen wir uns bei einer besseren „anderen Welt“ so sehr in der Vorstellung und machen sie nicht einfach?

          2 Min.

          Was Wissenschaft exakt beschreibt, kann sich für den Alltagsverstand wie Nebel anfühlen: Die „Cloud“, eine dezentrale Wolke, enthält unsere Daten (aber wo eigentlich?), der Aerosol-Atemdampf scheußliche Viren (aber wie eigentlich?), da mögen die meisten Stein und Bein doch lieber. „Materie“ nennen wir Greifbares gern. Es gibt aber sehr mysteriöse Sorten Zeug, die unter diesen Sammelnamen fallen. Vor einem Vierteljahrhundert zum Beispiel senkten die Physiker Eric Cornell und Carl Wieman die Temperatur eines aus Rubidium-87- Atomen bestehenden Gases so lange ab, bis die Atome darin zu einem Gesamt-Dingsbums ineinanderwaberten.

          Denn die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation verlangt, dass mit der Abnahme der Geschwindigkeit der in solchem Gas herumwuselnden Atome ihre Position immer weniger klar bestimmt ist – so lange, bis die einzelnen Sachen eben zur selben Zeit am selben Ort sind, was mit Stein und Bein nicht geht. Die Art Teilchen, bei der’s möglich ist, heißt „Bosonen“, nach dem Physiker Satyendranath Bose, der zusammen mit Einstein in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch die bizarre kalte Materialform vorhergesagt hat, die Cornell und Wieman 1995 künstlich schufen: das „Bose-Einstein-Kondensat“. Machen kann man damit theoretisch allerlei Anspruchsvolles in heiklen Bereichen der Natur, wo die Schwerkraft Wellen wirft oder sich die hypothetische „dunkle Energie“ versteckt, bis zur Quanteninformationsverarbeitung.

          Auf der Internationalen Raumstation ISS haben Fachleute jetzt, wie ein am 11. Juni von der Zeitschrift „Nature“ publizierter Artikel berichtet, in ihrem „Kalt-Atomlabor“ CAL, das Dinge bis auf ein Zehnmilliardstel Grad oberhalb des absoluten Nullpunkts, an dem für Materie überhaupt nichts mehr geht, herunterchillen kann, nach Vorversuchen mit Kalium und Rubidium erstmals im Weltraum Bose-Einstein-Kondensat erzeugt.

          Wir Menschen können uns einen Zustand, in dem Individualitäten, die wir beobachten oder anders messen und also voneinander unterscheiden, ihre Identität aufgeben, zwar nicht vorstellen. Aber Boses und Einsteins Mathematik kann ihn darstellen, und ein Labor mit einer cleveren Magnetfalle kann ihn herstellen. Menschen können oft mehr denken als machen, aber manchmal offenbar auch mehr machen als denken. Vielleicht sollten sich Leute, die meinen, bessere Verhältnisse zwischen Menschen könne man erst einrichten, wenn sich die richtige Vorstellung davon überall durchgesetzt habe, das mal genauer anschauen: Was, wenn die „andere Welt“, von der viele so gern predigen, dass sie „möglich“ sei, gar nicht lange schwärmerisch-utopisch ausgemalt, sondern mit kühlem Tatsachensinn praktisch in Angriff genommen werden müsste, falls man sie denn will?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

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