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Philosophie : Ein Schisma in der Philosophie?

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Molekularsprache der Analytik

Doch die Kehrseite dieser Freiheit ist der Schrecken, eigentlich gar nichts mehr mit der Rede von philosophischen Fragen meinen zu können. Rosefeldts hehrer Traum vom systematischen Selbstdenker wird daher entweder von allen verwirklicht, die irgendeine Meinung zu irgendeinem Thema irgendwie verteidigen, oder er kann nur durch diejenigen realisiert werden, die ein als philosophisch anerkanntes Problem traktieren. Die von ihm als Beispiele philosophischer Probleme genannten Fragen („was die grundlegende Struktur der Wirklichkeit ausmacht, wie sich das menschliche Bewusstsein zur Natur verhält und ob es unbedingte und allgemeingültige Normen gibt“) lassen ahnen, dass seine Gruppe der Systematiker ziemlich klein ausfallen wird. Ihre Auswahl scheint außerdem nahezulegen, dass Rosefeldt durchaus einen Sinn für die Autorität der Tradition hat. Schließlich handelt es sich bei seinen paradigmatischen Fragen um solche, die tief verwurzelt sind in der Geschichte der Philosophie.

Doch Rosefeldt will uns vor allem verständlich machen, warum der von ihm zu systematischer Philosophie ernannte Umgang mit diesen Fragen geradewegs auf die Unvermeidlichkeit der analytischen Philosophie führen soll. Dieses Ziel glaubt er durch folgende Überlegung zu erreichen: „Die Wende zur analytischen Philosophie in Deutschland muss deswegen vor allem als Durchsetzung der Einsicht verstanden werden, dass es sich lohnt, sie zu vollziehen. Denn hat man einmal verstanden, was es heißt, selbst zu philosophieren, dann ist klar, dass man das nicht einfach mit den Worten und Methoden von Kant und Hegel tun kann. (...) Man braucht eine eigene Sprache, eine, deren Bedeutung so klar ist, dass sie nicht erst der Interpretation bedarf. Dazu macht die analytische Philosophie das heute in den Augen der meisten systematischen Philosophen überzeugendste Angebot, das zudem für viele Bereiche der Philosophie de facto alternativlos ist.“ Aha, so ist das also: Die kristallklare Sprache der analytischen Philosophen hat das altdeutsche Kauderwelsch eines Kant und Hegel abgelöst, weil der seine Fragen selbst beantwortende Systematiker sich im reinen Äther interpretationsimmuner Bedeutungen aufhalten muss, will er seinem Handwerk „auf die beste mögliche Weise“ nachgehen.

Wer auch immer Rosefeldt diesen Floh ins Ohr gesetzt hat, es muss jemand gewesen sein, der in den letzten zwanzig Jahren keinen einzigen Blick in die in unserem Sprachraum für „analytisch“ geltenden Publikationen geworfen hat. Nicht nur begegnet man zu fast allen Themen einen hochspezialisierten Jargon, dessen Esoterik mühelos mit dem Fachvokabular eines „Journal of Molecular Endocrinology“ oder einer anderen medizinischen Subdisziplin mithalten kann, man wird sich auch ganze Jahrgänge von einschlägigen Zeitschriften hindurch selten mehr, häufig weniger gut unterhalten finden durch nicht enden wollende Diskussionen, was denn nun eigentlich zum Beispiel mit Begriffen wie „access consciousness“ oder „volition“ genau gemeint sein soll. Dass die analytische Philosophie eine Sprache implementiert, deren Klarheit Mehrdeutigkeiten ausschließt und daher nicht der Interpretation bedarf, wird man getrost zu einem der vielen Mythen des philosophischen Alltags zählen können.

Es gibt weder den Unterschied zwischen systematischer und historischer Philosophie in der Schärfe und mit den Konnotationen verbunden, die Rosefeldt nahelegt, noch ist zu erwarten, dass die „historische Philosophie“ vom Aussterben oder Auswandern bedroht ist. Vielmehr scheint es so zu sein, dass sich der akademische „Nachwuchs“ in unterschiedlichen Traditionen gut aufgehoben fühlt. An dieser Situation gibt es eigentlich nichts auszusetzen.

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