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Analyse : Ein zweiter FAZ.NET Rundgang führt durch das Labyrinth bei Binding

  • -Aktualisiert am

Annette Messagers „Balance” im ehemaligen Brauerei-Gebäude Bild: AP

Veränderung sozialer Kontexte im globalisierten Medienzeitalter. Das ist ein dominantes Thema der D11. Fotografie und Film sind ihre Vermittlungsmittel.

          Fast die Hälfte aller Werke der Documenta11 finden sich in einem Labyrinth aus hellen und dunklen Kammern unter dem Dach der ehemaligen Binding-Brauerei am Rand der Kasseler Innenstadt. Eine Wiener Architektengruppe hat das Gebäudeareal für die Zwecke der teilnehmenden Künstler und nach den Vorstellungen der Kuratoren kürzlich umgebaut. Für die Besucher eröffnet sich ein abgehobener Ort.

          Statt großer Hallen reihen sich gefangene Räume ohne Tageslicht verschachtelt aneinander. Zwischen schmalen Fluren wird die natürliche Welt mit Sonnenlicht und Regen, mit Tag und Nacht und Natur ausgeblendet. (Wie hatte man in den Museumsneubauten der 80er- und 90er-Jahre noch um Größe und Tageslicht gekämpft.) Die jüngere Kunst klammert die Welt aus, um sie zu betrachten - mediengestützt, versteht sich. Altmeister wie Louise Bourgeois oder Annette Messager wirken mit ihren handwerklich hergestellten Körperattrappen dazwischen wie Dinosaurier.

          Ortlos die Welt betrachten

          Modelle, Fotografien und Videos erzählen von der Gleichzeitigkeit des Gleichen, von einer globalisierten Welt, die sich eher durch Nähe als durch Differenz auszeichnet: Konflikte an den Grenzen zu Mexiko und Pakistan, Minderheiten- und Migrationsprobleme werden mit dokumentarischer Schärfe ins Visier genommen.

          Die meisten hier versammelten Künstler haben auch an diesem zweiten Ausstellungsplatz der Documenta11 ihren eigenen Raum erhalten. Das steigert den Genuss und bremst die Überdrehtheit üblich gewordener Informationsfluten wohltuend aus. „Entschleunigung“ heißt das Stichwort.

          Spätestens nach dem dritten Dunkel-Raum hat der Besucher allerdings die Übersicht verloren, so als schlendere er über den Markt einer orientalischen Altstadt. Man lässt sich weitertreiben, braucht aber an dunklen Ecken nicht um sein Leben zu bangen. Nur die Regeln der alles beherrschenden Videokultur muss einhalten, wer nicht aus der Rolle fallen will: So wird der Besucher eine raumfüllende, dreiteilige Projektion keinesfalls als plastisches Ereignis aus der Mitte des Raumes heraus betrachten, sondern mit dem Rücken zur Wand, um anderen nicht im Blick zu stehen.

          Mit dem Rücken zur Wand

          Die Videoinstallation des russischen Paares Igor & Svetlana Kopystiansky zeigt schwimmende Plastiktüten, die leicht und schön wie Quallenwesen ortlos über die Leinwand „schweben“ und heiter stimmen, obwohl sie nichts anderes als die allgemeine Verschmutzung der Weltmeere dokumentieren. Hier steht man ebenso mit dem Rücken zur Wand wie bei der Betrachtung von Eija-Liisa Athilas Geschichte einer Frau, die isoliert von der Außenwelt in einem finnischen Landhaus Stimmen zu hören beginnt: Eine Kuh läuft durchs Wohnzimmer, ein Spielzeugauto fährt wie ein Insekt an der Wand entlang, die Protagonistin fliegt wie ein Vogel durch den Wald. Raum- und Zeiterfahrungen geraten in der Bild-Erzählstory der prominenten Künstlerin an den Rand logischer Wahrnehmung und loten so mit suggestiver Intensität die Ränder der Normalität aus.

          Grenzgebiete der Erlebisfähigkeit

          In dieses Grenzgebiet extremer Erlebnisfähigkeit führt auch die zweiteilige Arbeit des schwarzen Videokünstlers Steve McQueen, „Western Deep“. Während die eine Projektion in den Weg durch einen dunklen Tunnel zeigt, der sich als Einstieg in die tiefste Goldmine der Welt entpuppt, verfolgt die zweite Sequenz den Weg aus himmlischen Lüften rund um eine Insel im Meer. McQueen bezieht sich auf ein historisches Ereignis, als indianische Ureinwohner in der Karibik 1651 den Tod wählten statt sich von französischen Kolonialisten domestizieren zu lassen.

          Von leisen Gesängen begleitetet, übertragen die laufenden Bilder das Glücksgefühl der Freiheit, während ein Mann durch den Himmelsraum schwimmt und jeder Betrachter sofort spürt, dass nur noch der Tod wartet. Die Ästhetik dieser bewegten Bilder scheint Gemälde von Monet und Feuerbach, aber auch Fotografien von McQueens Londoner Kollegen Wolfgang Tilmanns aufzunehmen.

          Halb zerfallen, halb aufgebaut

          Millionenmetropolen vergehen durch kulturellen Fortschritt ebenso wie durch Naturgewalten. Ryuji Miyamotos beklemmende Fotografien der japanischen Stadt Kobe nach dem verheerenden Erdbeben des Jahres 1995 lassen den Betrachter vor Ruinen der Zivilisation zurück, während die Architekturmodelle des Kubaners Carlos Garaicoa verfallende Rohbauten computergestützt in nie erreichter Vollendung zeigen.

          Waren-Umschlagplätze sind das Thema von Allan Sekulas „Fish-Story“, die in einer mehrteiligen Raumfolge großzügig in der Binding-Brauerei ausgebreitet wird. Um welchen Hafen es auf den Bildern geht, ist zweitrangig. So wie konkrete Orte auf dieser documenta der Dokumentation weniger Relevanz haben als Regionen. Das Verschiffen, Verteilen, Umbenennen, Verschwinden, Neuauftauchen von Waren (und Informationen) wird in der Bildfolge von Sekula zur Metapher für eine Gegenwart, die vom beschleunigten Austausch des immer Gleichen lebt, während Candida Höfer mit ihrer Fotosequenz zu Rodins „Bürger von Calais“ den zwölf existierenden Bronzegüssen in ihrem jeweiligen Kontext nachgeht und damit die Wirkung des Gleichen in unterschiedlicher Umgebung dokumentiert.

          Die Gleichzeitigkeit des Gleichen ist auch das Thema von Lorna Simpson, die 1960 in New York geboren wurde und eine Wand mit 31 Monitoren zur Beobachtung von zwei jungen Frauen aufgebaut hat. Tagesabläufe ähneln sich bis ins Detail, während die eine schon am Computer sitzt, putzt sich die andere noch die Zähne, aber die Handlungen bleiben ähnlich und lassen Rückschlüsse auf Abertausende ähnlicher, gleichzeitiger Handlungsweisen zu.

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