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Analyse : Die Deutsche Welle: Ein Sender zwischen Anspruch und Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

Sehen und Hören auf der Deutschen Welle: weltweit Bild: dpa

Der Abschied von Dieter Weirich als Intendant der Deutschen Welle hat vor allem parteipolitische Gründe. Ein CDU-Mann weicht einem Wunschkandidaten der SPD-geführten Bundesregierung. Was bleibt ist die Frage: Was soll ein deutsches Auslandsfernsehen in Zukunft leisten?

          Der Intendant der Deutschen Welle, Dieter Weirich, hat angekündigt, Ende März - acht Monate vor Vertragsende - seinen Posten zu räumen.

          Der 57-jährige, der auf einem CDU-Ticket vor zwölf Jahren den hochdotierten Posten in Köln bekam - macht den Platz frei für einen SPD-Mann. „Er habe keine Lust, als Reichsverweser den Grüßgott-August zu spielen“, sagte er FAZ.NET gegenüber. Als Nachfolger wird Erik Bettermann gehandelt, der zur Zeit noch Verwaltungschef der Deutschen Welle und Bevollmächtigter des Landes Bremen beim Bund ist.

          Wie der ehrgeizige Weirich wird auch sein Nachfolger vor der Frage stehen, welche Rolle der deutsche Auslandsfunk in Zukunft spielen soll. Als Weirich die Führung des Bundessenders übernahm, hatte CNN gerade mit großem Erfolg das Zeitalter des weltweiten Satellitenfernsehens eröffnet. Verständlich, dass sich die Deutsche Welle von dem Erfolg der Fernsehmacher in Atlanta beeindrucken ließ.

          Über Satellit wollte die Deutsche Welle CNN sein

          Bis dahin war die Deutsche Welle ein Radiosender, wenn auch ein besonderer. Er strahlte Radioprogramme in über dreißig Sprachen aus. Die Fernsehaktivitäten beschränkten sich auf Programmzulieferung in Kassettenform an Partnerstationen in Nordamerika. Die Deutsche Welle wollte CNN nacheifern, und die geplante Auflösung von RIAS TV gab ihr dazu die Gelegenheit. Die Deutsche Welle TV übernahm Infrastruktur und Personal von RIAS-TV, aus dem Frühstücksfernsehen von RIAS TV wurde „DW-TV weltweit“. Seit 1995 sendet die Deutsche Welle über den Satelliten EUTELSAT weltweit.

          Weirich übertrug einen Teil des Radio-Etats in die Fernseh-Aktivitäten. Außerdem ging die Deutsche Welle als erster deutscher Rundfunk-Sender ins Internet. Der Bund erhöhte den Zuschuss für den Sender von 380 Millionen auf 510 Millionen Mark, 1996 stieg er auf 631 Millionen. Dann kam 1999 der große Einschnitt. Im Zuge allgemeiner Sparmaßnahmen verfügte der Bund eine drastische Etatkürzung. Bis zum Jahr 2003 soll die Deutsche Welle ihren Etat nun von 635 auf 535 Millionen Mark senken. 700 Stellen wurden bereits gestrichen.

          Zukunft muss definiert werden

          Mehr denn je muss die Deutsche Welle ihre Strategien überdenken, definieren, was sie sein will - und sein kann. Der Vergleich mit CNN, aber auch mit BBC World Service und TV 5 in Frankreich gibt Aufschluss.

          Dass Erfolgsrezept von CNN ist die Mehrfachverwertung. Die CNN-Gruppe umfasst heute 15 verschiedene Nachrichtendienste, die sich gegenseitig beliefern. Die Zweitverwertung eines Beitrag ist erheblich günstiger als die Eigenproduktion. Der Erfolg von BBC World beruht auf einer Dreiteilung: BBC World liefert werbefinanziertes Free-TV, BBC Prime Pay-TV. Der Etat des regierungsfinanzierten BBC World Service (Radio) wird von den beiden nicht belastet.

          Das französische TV 5 strahlt zu 80 Prozent schon gesendetes Material des frankophonen Fernsehens aus. Es kostet den französischen Steuerzahler 75 Millionen Mark. DW-TV produziert 80 Prozent seines Informations-Programms selbst. Das Programm wird auf Deutsch, Englisch und Spanisch ausgestrahlt - die Sprachen wechseln über den Tag. Die Sprachfenster richten sich nach den Prime-Times der jeweiligen Kontinente.

          Vollprogramme haben wir genug

          Muss DW-TV sein Programm vor allem selbst produzieren? Es gibt in Deutschland genug Vollprogramme - mehr als in jedem anderen europäischen Land und aus diesem Vorrat könnte sich die Deutsche Welle zumindest mehr als bisher bedienen.

          Die Bundesregierung erkannte das und verfasste im letzten Jahr das sogenannte „Hanten-Papier“. Es sieht vor, dass DW-TV stärker mit ARD und ZDF kooperieren. Dagegen hatte Weirich nichts einzuwenden. Den Vorschlag jedoch, für das Auslandsfernsehen eine Körperschaft zu gründen, in der die Deutsche Welle aufgehen sollte, lehnte Weirich als unakzeptabel ab. Die Bundesregierung überlegte, ob sie der Deutschen Welle aus der Finanzklemme helfen könnte, indem sie sie mit einem offiziellen außenpolitischen Auftrag versieht und ihr damit Mittel aus dem Auswärtigen Amt zur Verfügung stellt.

          Mischung aus Free-TV und Pay-TV

          Abstimmungen mit dem Auswärtigen Amt gibt es - wie bei BBC World - seit jeher. Die würden dann noch enger werden. Weirich sah die journalistische Unabhängigkeit in Gefahr, was die Urheber des Hanten-Papiers vehement bestreiten. Derzeit scheint nur über einen Punkt Einigkeit zu bestehen: dass die Deutsche Welle in Zukunft verstärkt mit ARD und ZDF zusammenarbeitet. Zum einen um ihre Programmkosten zu senken, dann auch um das Programm attraktiver zu gestalten - die „Quoten“ der „Deutschen Welle“ lassen im internationalen Vergleich zu wünschen übrig. Ein Pay-TV-Programm nach dem Vorbild von BBC World können sich beide Seiten ebenfalls vorstellen. Um das zu finanzieren, reichen 8.000 Abonnenten.

          Einigkeit herrscht in einem zentralen Punkt: dass ein Sender, der Auslandsdeutsche und ein an der deutschen Sprache und Kultur interessiertes Publikum in aller Welt mit einem Informationsprogramm versorgen will, nach wie vor Sinn macht - gerade heute, wo der Welt-Nachrichtenmarkt stark von der amerikanischen Perspektive bestimmt wird.

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