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Antisemitismus in Deutschland : An die Berliner Demonstranten

  • -Aktualisiert am

Auf einer Berliner Demonstration zur Unterstützung der Palästinenser am 1. August Bild: REUTERS

Sie skandieren antijüdische Parolen. Ich fühle mich davon herausgefordert. Nicht nur als Jude, sondern weil ich die Kritik an Israel in manchen Punkten teile. Aber meine eigene Familiengeschichte zeigt die Gefahren der Diskriminierung und des Hasses. Ein Gastbeitrag.

          Ich bin ein Jude. Ihren Rufen, herauszukommen, um mit Ihnen zu kämpfen, werde ich nicht nachkommen. Ich möchte aber in diesem Brief erklären, warum es unzweckmäßig ist, wenn Sie Ihre Wut in solchen und ähnlichen Formulierungen ausdrücken.

          Zu meiner Familiengeschichte: Mein Vater ist in Berlin aufgewachsen. Sein Lieblingsort war der Olivaer Platz in Charlottenburg. Er erinnert sich mit Freude an die Stunden auf den Bänken und an die gepflegten Grünanlagen. Seine Großeltern wohnten dort, vom Balkon ihrer Wohnung aus konnte er auf den Kurfürstendamm schauen. Auch seine Eltern waren in Berlin aufgewachsen und empfanden eine tiefe Verbundenheit mit der Stadt – wie Sie, die Sie heute dort frei demonstrieren können, sicherlich auch. Meine Großeltern machten Picknick im Grunewald und trafen ihre Freunde im „Kempinski“. Sie waren Deutsche, wie Sie auch. Aber keine deutschen Christen, wie die meisten von Ihnen.

          Am Ende verlor meine Familie alles. Mein Großvater, Magnus Davidsohn, war Oberkantor an der Synagoge in der Fasanenstraße; mein Vater sah das Haus abbrennen. In der Reichspogromnacht wurde mein Vater brutal zusammengeschlagen, in Folge dessen quälten ihn sein Leben lang epileptische Anfälle.

          Ich leide auch mit den Palästinensern

          Durch einen wundersamen Zufall gelang meiner Großmutter und ihrem sechsjährigen Sohn die Ausreise in die Vereinigten Staaten. In Deutschland waren sie wohlhabend gewesen, aber als sie im Sommer 1939 in New York ankamen, hatten sie überhaupt nichts mehr. Meinem Großvater gelang die Ausreise nach Amerika nicht. Seinen Sohn sah er erst viele Jahre später. Mittlerweile fremdelten sie sehr. Deshalb habe ich meinen Großvater nie richtig kennengelernt. Durch dieses Erlebnis wurde mir bewusst, wie Schmerz, Wut und Trauer über Generationen weitergetragen werden können.

          Mein Vater und seine Familie dachten oft mit Wehmut an ihre Berliner Heimat. Ihre Häuser wurden ihnen verbrecherisch entwendet, eine Entschädigung gab es nicht. In Amerika mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. Aber sie liebten ihre Heimat, sie liebten Berlin – obwohl Deutschland seine jüdischen Bürger systematisch ausgeraubt und ermordet hat.

          Meine Familie weiß, was es bedeutet, aus der Heimat vertrieben zu werden, Hab und Gut zu verlieren. Im Unterschied zu den enteigneten Palästinensern fand meine Familie jedoch in Amerika echte Möglichkeiten, ein selbstbestimmtes und sicheres Leben zu führen. Vielen Palästinensern hingegen blieb nichts anderes als eine elende Existenz in Flüchtlingslagern, mit einem Nachbarstaat, der sich in ihre angestammten Gebiete ausdehnte. Aber mein Vater hat mich dazu erzogen, auch die Ansicht der Palästinenser teilweise zu verstehen. Gerade weil ich auch mit den Palästinensern leide, kann ich Ihren Rufen nicht nachkommen.

          Man könnte den Schluss ziehen, dass Juden nur im eigenen Staat sicher sind

          Als jemand, der Ihre Wut über israelische Grausamkeit und das Leid der Palästinenser teilt, möchte ich Ihnen aber erklären, warum Ihre wütenden Proteste auf Berlins Straßen einen gerechten Frieden erschweren. Dazu muss ich abermals auf meine Familiengeschichte zurückkommen.

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