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Antisemitismus in Deutschland : An die Berliner Demonstranten

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So gibt es viele demokratische Israelis, die von einer stärkeren Trennung von Religion und Staat träumen, ohne dabei den jüdischen Charakter des israelischen Staates zu vergessen: Mit jüdischen Nationalfeiertagen beispielsweise und einer öffentlichen Rolle der Religion, wie wir sie im katholischen Spanien oder im anglikanischen England beobachten können. Leider sind wir von diesem Traum weit entfernt.

Ich verstehe, warum diejenigen, die die Erfahrungen meiner Mutter und ihrer Familie teilen, diese Einstellung demokratischer Bürger als hoffnungslose Phantasterei abtun. Aber ich weiß auch, dass sie falsch liegen. Denn ich bin häufig in die Heimat meines Vaters zurückgekehrt, nach Deutschland. Ich habe die Sprache dieses Landes gelernt, seine Literatur und Philosophie studiert und so die Liebe zu Deutschland nachvollzogen, die die Familie meines Vaters nie verloren hat. Ich bin zu dieser Liebe fähig, obwohl ich von Großeltern meiner deutschen Freunde weiß, die beim Mord an meinem Volk nicht nur mitmachten, sondern später auch keine Reue zeigten. Ich bin zu dieser Liebe fähig, obwohl mir ältere Deutsche erklärt haben, dass die Verbrechen der Juden an Deutschland schwerer wögen als die Verbrechen der Deutschen an Juden. Der Terror, den mein Vater in Berlin erfuhr, ist mir stets gegenwärtig. Und doch liebe ich es, in Berlin durch die Straßen zu wandeln und mir vorzustellen, wie es war, als meine Großeltern sich zum ersten Mal in einem Charlottenburger Café küssten.

Wer Hass propagiert, macht sich mitschuldig

Meine Großmutter Ilse Stanley rettete mit Hilfe eines ihr bekannten Gestapo-Mannes mehr als vierhundert Juden aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen. Ohne die Hilfe dieses Mannes wäre das niemals möglich gewesen. Deshalb weiß ich: Selbst in der größtmöglichen Brutalität gibt es Menschlichkeit. Gerade wegen meiner Erfahrungen in Deutschland hoffe ich deshalb, dass eines Tages die Enkel der vertriebenen Palästinenser auf den Straßen Tel Avivs und Jerusalems umherstreifen werden, in freundschaftlicher Verbundenheit mit den Enkeln derer, die sie vertrieben hatten.

Aber wenn ich sehe, wie in der einstigen Hauptstadt von Nazideutschland nun die Sprechchöre mit dem Ungeist der Vergangenheit wiederholt werden, wachsen auch in mir Zweifel. Vielleicht bin ich allzu naiv, wenn ich an die demokratischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Toleranz glaube? Wenn Sie auf den Straßen der Hauptstadt Hitlers stehen, was für viele das Versagen solch eines demokratischen Idealismus symbolisiert, und den Juden drohen, so stärken Sie nur jene Kräfte, die keine Gnade walten lassen wollen. So machen Sie sich letztlich mitschuldig an den Bomben, die in Schulen und in Krankenhäusern landen.

Aus dem Englischen von Johannes Dudziak.

Jason Stanley, Jahrgang 1969, ist Professor für Philosophie in Yale. Er war Gastprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Autor zweier vielbeachteter Bücher über „Know How“ sowie „Knowledge and practical interest“. Im kommenden Jahr wird sein Buch „Why Propaganda Matters“ über Theorie und Wirkung von Propaganda bei Princeton University Press erscheinen.

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