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Antisemitismus in Deutschland : An die Berliner Demonstranten

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Auch meine Mutter ist eine Überlebende. 1940 auf der Flucht aus Polen geboren, hat sie den Krieg in Russland irgendwie überlebt. Auf der ganzen Welt trägt heute niemand mehr ihren Nachnamen. Nach dem Krieg war sie nach Polen zurückgekehrt. Sie musste dort in einem Waisenhaus leben. Für jüdische Kinder war es damals gefährlich, auf die Straße zu gehen. Zurückkehrenden Juden begegnete man mit Hass und Gewalt.

Mein Vater hatte Deutschland verlassen und ist in New York angekommen, wo er Baseball, Hollywood, und Sicherheit vorfand. Wenn man heute über Israel nachdenkt, ist es besser, die Erfahrung meiner Mutter als die meines Vaters im Sinn zu haben. Es ist verständlich, dass diejenigen, die Erfahrungen gemacht haben, die denen meiner Mutter gleichen, daraus den Schluss ziehen, dass die Juden weltweit gehasst werden und deshalb nur in einem von ihnen bewohnten Staat sicher sind.

Die Gleichheit ihrer Bürger ist der Test für jede Demokratie

Und so denken nicht nur Juden, sondern viele Gruppen, die sich der Verfolgung ausgesetzt sehen. Das leuchtet vielen ein: Dass jeder nur innerhalb seiner eigenen Gruppen sicher ist. Doch dieser Glaube, dass ethnische oder religiöse Minderheiten nur in ihrer Gemeinschaft sicher wären, steht in einem unlösbaren Konflikt mit dem liberalen und demokratischen Gedanken des Staatsbürgers. Freiheit und Gleichheit sind die fundamentalen Werte der Demokratie. Demokratische Staatsbürger müssen die Freiheit haben, ihre individuellen Ziele zu verfolgen, ohne dass ihre Gleichheit als Bürger in einem Rechtsstaat bedroht wird. Das ist der Test für jede Demokratie: Ob sie unterschiedliche religiöse oder ethnische Gesinnungen akzeptieren kann, ohne dabei ihre Bürger als ungleich anzusehen.

Daraus folgt, dass ein Staat, der Mitglieder einer bestimmten Religion als privilegierte Staatsbürger behandelt, keine Demokratie sein kann. Die Idee, dass Israel in erster Linie ein jüdischer Staat sein soll, macht eine israelische Demokratie unmöglich. Hat eine einzelne Religion im Staat zu viel Raum, verhindert das die Gleichheit der Bürger mit anderem religiösen Hintergrund.

Während Israel sich oft mit dem Titel der „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ schmückt, ist die Wahrheit komplizierter. Über den Widerspruch, dass Israel Demokratie und jüdischer Staat zugleich ist, wurde viel diskutiert. Die Diskriminierung, die arabische Israelis hinnehmen müssen, verdeutlicht den unauflösbaren Widerspruch.

Ich bin dazu fähig, Deutschland zu lieben

Die Einwohner des Gazastreifens sind keine israelischen Bürger. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass es nicht möglich ist, den Feind zu entmenschlichen, die Nichten, Tanten und Onkel des Feindes aber als gleichberechtigte Staatsbürger zu behandeln. Das macht in Israel den Widerspruch besonders schwierig. Denn hier ist die Entmenschlichung der Bewohner des Gazastreifens notwendig, damit die israelische Bevölkerung die dichte Kontrolle Gazas mitträgt. Nehmen wir einmal an, dass es möglich wäre, den Widerspruch zwischen der Kontrolle des Gazastreifens, der ökonomischen und materiellen Ressourcen seiner Einwohner und dem Status ihrer Verwandten als vollwertige israelische Staatsbürger aufzulösen. Bestenfalls wäre es dann vom israelischen Staat immer noch heuchlerisch, Millionen von Palästinensern ihre demokratischen Rechte zu verwehren. Außerdem ist es demokratisch nicht zu legitimieren, den Hunderttausenden von Palästinensern, die nach der Staatsgründung geflohen waren, oder ihren Nachfahren die Staatsbürgerschaft zu verwehren.

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