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Musikstreit in Norwegen : Oper ohne Musik

Ärger im Berg aus Eis und Stahl: Die Osloer Oper wird zwischen verschiedenen Interessenlagen zerrieben. Bild: dpa

Oslo hat eine großartige Oper. Doch was auf dem Programm steht, ist vernichtend: Intriganz, Missgunst, Hoch- und Kleinmut legen den Betrieb lahm. An die Musik scheint niemand zu denken.

          Auf Oslos Oper ruht kein Segen. Sie mag fünf Monate früher als geplant – schon im April 2008 – fertig geworden sein. Man findet vielleicht weltweit kein Haus mit besserer technischer Ausstattung. Lage und Aussehen – direkt am Fjord, ein Eisberg aus Stein und Glas – sind gewiss einmalig. Aber Intriganz, Missgunst und eine fatale Dynamik aus Hochmut und Kleinmut verhindern, dass dieses großartige Haus dauerhaft zu einem Impulsgeber für die weltweite Opernszene werden kann.

          Das jedenfalls hatte sich der amtierende Intendant Per Boye Hansen noch bei seinem Amtsantritt 2012 vorgenommen. Und der Anfang dessen, was seine Ära hätte werden können, sah auch blendend aus, ganz so, als ließe sich von Europas Peripherie aus dessen Zentrum beflügeln.

          Offener Protest

          Doch an der Norwegischen Nationaloper dachte und fühlte man anders: Dem Intendanten wurde im Mai 2015 mitgeteilt, dass man seinen Vertrag nicht über 2017 hinaus verlängern würde. Der Geschäftsführer Nils Are Karstad Lysø – erfahren im Kaufhausmanagement, als Opernkenner kaum aufgefallen – hatte andere Vorstellungen, wie Norwegens größter Kulturbetrieb zu führen sei. Damals protestierte der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der deutschsprachigen Opernkonferenz mit einem offenen Brief an das norwegische Kulturministerium gegen den Vorgang.

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          Unterdessen aber ist Karl-Heinz Steffens – der ehemalige Klarinettist der Berliner Philharmoniker, inzwischen Generalmusikdirektor der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz – zum Chefdirigenten der Oper Oslo ernannt worden. Im August 2016 trat er sein neues Amt an. Doch schon 2018 will er gleich wieder aufhören. In einem offenen Brief ließ Steffens die Mitarbeiter der Oper wissen, eine Zusammenarbeit mit der künftigen Intendantin Annilese Miskimmon, sei für ihn unmöglich. Ein Jahr nach ihrem ersten Treffen habe er inzwischen den Eindruck erhalten, es fehle ihr grundsätzlich an Respekt für die Rolle eines musikalischen Leiters und dessen Einfluss auf die künstlerische Entwicklung eines Opernhauses. Die aus Nordirland stammende Miskimmon leitet derzeit noch die Oper im dänischen Aarhus.

          Kein Gedanke an Aufbau

          „Außergewöhnliche Regiekonzepte“, so liest man, interessieren sie vor allem. Den Gesangssolisten an Oslos Oper stellte sie in Aussicht, ihnen künftig nur noch Kurzzeitverträge zu bieten. Ein Sängerensemble kann sie mit solchen Perspektiven gewiss nicht aufbauen. An Aufbau aber scheint dort, neun Jahre nachdem alle Wände stehen, niemand mehr zu denken. Als wäre das Haus auch ohne Musik schon eine Oper.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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