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„American Hustle“ im Kino : An den Haaren sollt ihr sie erkennen

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Kostümiert bis zur Unkenntlichkeit: Amy Adams und Christian Bale sind ein herzhaft hochstapelndes Paar Bild: AP

Selten war Lügen so glaubwürdig: David O. Russells Film „American Hustle“ frisiert die siebziger Jahre stilecht und zelebriert ein wahres Fest der Täuschungen, Fakes und schauspielerischen Manierismen.

          Der FBI-Agent Richard DiMaso befindet sich in einer delikaten Situation, als ihm die Dinge über den Kopf zu wachsen beginnen. Er bringt gerade seine Haare mit Lockenwicklern in Form, arbeitet also an einer Rudi-Völler-Inspirationsfrisur, denn wir sind hier mitten in den siebziger Jahren, also gewissermaßen an den Wurzeln des Minipli. So ein Kunstwerk braucht Zeit, doch davon gibt es nie genug, wenn eine ganze Reihe von Leuten nur damit beschäftigt ist, einander wechselseitig Fallen zu stellen, zu übervorteilen oder zumindest den Koffer loszuwerden, in dem das Geld ist, das man besser nicht annimmt.

          Richard DiMaso wähnt sich eigentlich in der Position dessen, der den Überblick hat und von dem die Initiative ausgeht. In Wahrheit ist er vielleicht der Blindeste von allen. Blind vor Ehrgeiz, blind auch, weil er sich in Sydney Prosser (Amy Adams) verguckt, eine Hochstaplerin mit europäischem Akzent, die in Wahrheit ein sehr amerikanisches Girl ist. Sie ist einem Mann zugetan, der auch ein Problem mit den Haaren hat. Irving Rosenfeld sehen wir gleich zu Beginn bei einem komplizierten Klebemanöver, mit dem er seine Glatze verdeckt. Diese Eigenhaartherapie könnte eigentlich als im doppelten Sinne eitel erscheinen bei einem Mann, der im Schwimmbad einen üppigen Wanst aus dem Liegestuhl ragen lässt.

          Dem schönen Schein verschrieben

          Doch damit ist auch schon so etwas wie ein Prinzip von David O. Russells Film „American Hustle“ benannt: Das, worauf die Leute achten, ist selten das, worauf es wirklich ankommt. Und so entwickelt sich hier eine unübersichtliche Geschichte, die aber vor wunderbaren Details nur so strotzt und nebenbei einige der besten betretenen Mienen zeigt, die es im Kino seit langem zu sehen gab. „Some of these things actually happened“, schickt Russell seinem Film als Insert voraus. Er betont damit die erzählerischen Freiheiten, die er sich in seiner Interpretation des Abscam-Skandals nimmt, einer FBI-Operation in den siebziger Jahren, die Kongressabgeordnete der Korruption überführen sollte und in der ein Scheich eine wichtige Rolle spielte.

          Herrlich übersteigerte Verbeugung vor den Siebzigern: Die Schauspieler Christian Bale (l) als Irving Rosenfeld, Amy Adams als Sydney Prosser und Bradley Cooper als Richie DiMaso

          „American Hustle“ erzählt von dieser großen Aktion aus der Perspektive eines kleinen Mannes: Irving Rosenfeld, Wäscherei-Erbe aus New York. Christian Bale spielt ihn mit der ganzen Energie eines Aufschneiders, der aus seinem Spiel nicht mehr herausfindet. Und irgendwie schafft er es dabei, diesen Rosenfeld sogar noch sympathisch erscheinen zu lassen, so dass es irgendwann vor allem darum geht, ob Irving und Sydney, das unwahrscheinliche und doch so logische Paar, gemeinsam einen Ausweg finden werden.

          Zu diesem Zeitpunkt hat Richard DiMaso (Bradley Cooper) sich schon deutlich blamiert, hat sein Vorgesetzter Stoddard Thorsen (Louis C.K.) schon mehrmals entsetzt die Hände vor das Gesicht geschlagen, hat Carmine Polito (Jeremy Renner), Bürgermeister einer Stadt in New Jersey, sich strafbar gemacht, obwohl er nur das Beste wollte. Und ein Mafioso, der dummerweise Arabisch kann, bringt einen hispanischen FBI-Agenten, der sich als Scheich ausgibt, schwer in Verlegenheit.

          Dazu gibt es noch eine wichtige Nebenfigur in diesem in jeder Hinsicht großzügigen und für zehn Oscars nominierten Ensemble-Stück: Rosalyn Rosenfeld, verbitterte Ex-Frau von Irving, gespielt von Jennifer Lawrence, die aus dieser Rolle einer noch nicht ganz herzlos gewordenen Schlampe ein Fest macht. Russell versammelt diese tollen Schauspieler mehrfach zu großen Szenen, vergisst darüber aber nie das Kammerspiel, das darin steckt.

          Meisterhaft überspielt

          Und doch lässt „American Hustle“ ähnliche Fragen offen wie „The Wolf of Wall Street“. In beiden Fällen handelt es sich um period pictures aus der nahen Vergangenheit, die wie dekadenter Protest gegen eine schnöde, technokratische, abstrakte Gegenwart wirken. Die siebziger und achtziger Jahre, die hier aufs glamouröse Korn genommen werden, machen mit einem Überschuss an Vitalismus wett, was sie an fiktiven Werten schaffen. David O. Russell trifft allerdings deutlicher einen komischen Kern, für den Scorsese kein Organ hat.

          „American Hustle“ hat es dabei auch deswegen leichter, weil die siebziger Jahre selbst einige bekannte Vorlagen bereithalten, vor allem „Der Clou“, von dem aus sich die Kette der zwiespältigen Nostalgie bis in die dreißiger Jahre zurückverfolgen lässt. Es ist das Kino selbst, das sich hier als „con art“ zu erkennen gibt, also als Balanceakt zwischen Überzeugungskunst und ungedeckten Schecks. „American Hustle“ ist das Epos einer abgerissenen Traditionsbildung. Die Schrecken darüber sieht man dem Film noch an, das macht ihn groß, und die Figuren werden darin in mehrfacher Hinsicht zu Meistern des Überspielens.

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