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Amstetten und die Kulturtheorie : Jene Falltür ins Nichts

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Was bewog Josef F. dazu, seine Tochter einzumauern? Kämpfte er mit allen Mitteln der Logistik und Geheimhaltung um seine bedrohte väterliche Souveränität? Der Schauplatz des Verbrechens von Amstetten kommt der Kulturtheorie jedenfalls unheimlich vertraut vor.

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          An dem Wochenende, als der Amstettener Skandal ans Licht kommt, findet am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien eine Tagung zum Thema „Vaterlosigkeit“ statt. Am Samstagabend gibt Gert Voss am Burgtheater den Lear; er schnauzt und schreit sich durch fünf Akte, doch Respekt vor seinem Leiden stellt sich so wenig ein wie Furcht vor seiner Größe. Dieser Lear ist schon vor der Verteilung seiner Güter nichts als ein aufgeblasener Wicht. Am Sonntag wird Wiens Erster Bezirk von Marathonläufern überschwemmt. Wer sich bis zur Hofburg durchkämpft, kann in den kaiserlichen Kemenaten unter den vielen atemberaubend schönen Tellern der Wiener Porzellanmanufaktur auch ein King-Lear-Motiv bewundern. Die Grisaillemalerei zeigt einen Mann mit schlohweißem Haar und fast noch jugendlichem Gesicht, würdig, wehmütig und orientierungslos.

          Vor hundertachtzig Jahren konnte man sich Lear noch vorstellen, den irregewordenen Vater, der sein Reich für ein paar Treueschwüre seiner falschen Töchter verschenkt. Heute muss man lange suchen, um einen Patriarchen der alten Schule zu finden; und doch scheint er in Amstetten plötzlich in der ganzen Gruseligkeit aufgetaucht, die Freuds „Totem und Tabu“ ihm zugedacht hatte: als der Hordenführer, der den Söhnen die Töchter verbietet und sie für sich in Anspruch nimmt. Nur dass Josef F. lautlos und heimlich verfuhr, so dass die Söhne ihm nichts anhaben konnten. Für diesen aus der Unterwelt aufgestiegenen „Gottvater“, wie Elfriede Jelinek ihn nennt, wird durchaus Bewunderung laut: „Über seine Schaffenskraft würden sich viele andere freuen“, sagte der die polizeiliche Untersuchung leitende Oberst Polzer in einer deutschen Talkshow.

          Es muss doch gesagt werden

          Fasziniert ist mancher offenbar nicht nur von dem unbemerkt angelegten „Mikrokosmos“ (Polzer) im Keller, von der logistischen und baulichen Leistung, die in makelloser Disziplin das Verlies erst möglich machte. Das Staunen gilt auch der sturen Verfolgung des Triebziels und dem Genuss dessen, was kulturell ein höchstes Tabu ist. In den „Beiträgen zur Psychologie des Liebeslebens“ spricht Freud von zwei Seiten des männlichen Begehrens, die kaum zu vereinigen sind, der zärtlichen und der sinnlichen Strömung. Die zärtliche geht auf die mütterliche Pflege im Kindesalter zurück; und weil aus dieser Beziehung sexuelles Begehren ausgegrenzt war, fällt es dem Mann später schwer, mit einer Frau, die er schätzt und zärtlich liebt, auch sein sexuelles Begehren auszuleben. Für den Wiener Vater der Psychoanalyse gibt es aus diesem Dilemma nur einen Ausweg: „Es klingt wenig anmutend und überdies paradox, aber es muss doch gesagt werden, dass, wer im Liebesleben wirklich frei und damit auch glücklich werden soll, den Respekt vor dem Weibe überwunden, sich mit der Vorstellung des Inzests mit Mutter oder Schwester befreundet haben muss.“

          Der Religionswissenschaftler René Girard hat eine Theorie dafür, warum in früheren Zivilisationen der Hordenführer oder König vom Inzesttabu befreit war. Die schon bei Primaten zu beobachtende Lust an der Nachahmung führt regelmäßig zu Gewalteskalationen, weil jeder das besitzen möchte, was der andere hat. Die menschliche Kultur verdankt sich einer genialen Regelung dieser Gewaltspirale, denn sie hat die wechselseitige Spiegelung unter Individuen derselben Gruppe verboten. Das Mittel dafür war ein Sündenbock, jemand, der den Neid aller auf sich ziehen durfte, dafür aber - zunächst real, dann symbolisch - zu büßen hatte. Die Ermordung des Sündenbocks reinigte die Gesellschaft von ihren aggressiven Wünschen und stellte Frieden her.

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