https://www.faz.net/-gqz-8jnxs

Attentat von München : Stimmen im Kopf

Was geht im Kopf eines Attentäters vor? Vor allem „Verzweiflung, Demütigung, Not“. Bild: dpa

Ist es globaler Terrorismus, der uns bedroht, oder doch nur vereinzelter Wahnsinn? Und warum breitet sich diese neue Form des Selbstmords aus wie ein Virus? Womöglich hat das mehr mit der Gesellschaft zu tun als uns lieb ist.

          Nun ist er also auch in Deutschland angekommen, der Horror, den das Land bisher vor allem aus den Nachrichten kannte – eine Stadt in Panik, ein Land in Sorge, die Welt voller Mitgefühl. Der größte Horror dieser grauenhaften Münchner Sommernacht aber war, das man nicht wusste, wovor man Angst haben musste: War es wirklich der globale Terror, der nun auch in Deutschland ausgebrochen war? Gab es, wie zwischendurch spekuliert wurde, nationalistische Motive? Oder war es doch eher die Tat eines psychisch gestörten Einzeltäters, ein Akt des Wahnsinns?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Inzwischen scheint alles auf die letzte These hinzudeuten, und sollten sich die Hinweise auf eine pathologische Erkrankung des 18-jährigen Deutsch-Iraners verdichten, dann stimmt es eben nicht, dass der Terror nun auch in Deutschland angekommen ist: Er war schon lange hier. Er offenbarte sich nicht nur in Winnenden, Emsdetten oder Erfurt, sondern auch im Airbus, den der Pilot Andreas Lubitz vor einem Jahr in den Abgrund riss. Und trotzdem lassen sich all diese Massenmorde, die man üblicherweise eher als Amoklauf bezeichnet, kaum von jenen Terroranschlägen trennen, welchen man eine Ideologie unterstellen kann, einen Plan, eine Strategie, eine Organisation; jenen Anschlägen, die wenigstens in ihrer eigenen kranken Logik so etwas wie einen Sinn erfüllen. Zum einen nämlich handelt es sich, wie die Beispiele aus Orlando, Nizza oder Würzburg zeigen, im Zweifelsfall um beides: um psychotische oder psychopathische Täter, deren Wahn sich mit den zeitgenössischen Motiven des Terrors verbindet. Zum anderen kann man all die sich häufenden Einzeltaten kaum noch für sich betrachten: Sie fügen sich zu einem globalen Phänomen, zu einer Welle von Anschlägen, die sich gegenseitig zu inspirieren und zu motivieren scheinen.

          Für alles gibt es eine App

          Nicht erst seit München merkt man, dass jene üblichen Erklärungsmuster fragwürdig untauglich geworden sind, welche alleine irgendeine Art von Fundamentalismus für solche heftigen Anschläge verantwortlich machen. Immer öfter haben die Morde gar kein Fundament. Mal kommen die Mörder, wie der Attentäter von München, ganz ohne Ideologie aus. Aber auch um zum religiösen Fanatiker zu werden, muss man offensichtlich weder eine langwierige Indoktrination in der Koranschule noch die mühsame Ausbildung im Terrorcamp absolvieren, braucht weder Verbindungen noch Hintermänner.

          Fundamentalismus? Immer öfter haben diese Morde gar kein Fundament.

          Auch wenn es dem IS ganz gut in seinen Kram passt, solche „einsamen Wölfe“ nachträglich zu seinen Soldaten zu erklären (sogar das Attentat von München machte noch in der Nacht ein IS-Profil auf Twitter zur eigenen Sache), ist die dschihadistische Propaganda eher eine Reaktion auf das Phänomen als dessen Ursache. Der Horror besteht nicht in der Rückständigkeit des radikalen Denkens, sondern in seiner erschreckenden Modernität: Ein Beil, ein Bahn-Ticket, ein altes Bettlaken – mehr brauchte der Attentäter von Würzburg nicht, um ein richtiger Terrorist zu werden, nur ein paar Klicks. Auch für Fanatiker gelten die Versprechen des Silicon Valley: Du kannst sein, was du willst. Für alles gibt es eine App.

          Die Erkenntnis jedenfalls, dass man mit ideologischen Zuschreibungen nicht weiterkommt, weder bei der Suche nach politischen Lösungen noch bei der kriminalistischen Ermittlung und schon gar nicht bei der Prävention, setzt sich allmählich auch bei den Behörden durch. Schon im Fall der Würzburger Beilattacke sprach Innenminister Thomas de Maizière von einem „Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror“. Und auch Europol verwies in dieser Woche auf eine Studie, nach der 35 Prozent der terroristischen Einzeltäter in den vergangenen 15 Jahren an einer psychischen Störung gelitten hätten. Der „dschihadistische Diskurs“, schreiben die Analysten, übe auf solche Personen durchaus eine „motivierende Kraft“ aus und könne die Wahl des Ziels beeinflussen. Welcher Kategorie man die Täter zuordnet, ist dabei nicht nur spitzfindige Semantik. Es ist eine Zuschreibung, die bestimmt, über wen man eigentlich redet: Über einen Feind? Einen Patienten? Einen Täter? Oder ein Opfer?

          Nichts ist so politisch wie der Wahnsinn

          Was aber bedeutet es, wenn die Gefahr immer öfter von Menschen ausgeht, die an psychischen Störungen leiden, ob sie sich im Moment ihrer Taten zu einer größeren Sache bekennen oder nicht? Dass es sich bei vielen Terroristen um pathologische Fälle des Wahnsinns handelt, um Menschen, die man besser mit Typen wie Anders Breivik oder den Massenmördern von Littleton vergleichen sollte, als eine ganze Religion für sie haftbar zu machen, ist zunächst einmal eine wichtige Verschiebung: Der Islamismus ist nicht das „Motiv“, sondern das derzeit populärste Muster des Terrors, die Form, in der er sich artikuliert. Jede Zeit hat ihre eigene Chiffre für besinnungslose Gewalt. Am Fall von München kann man beispielhaft ablesen, wie sie sich ändern. Die ganze ungewisse Nacht über hörte man die gewagtesten Spekulationen – nur die Frage, die noch vor ein paar Jahren unvermeidlich gewesen wäre, fehlte: ob der Täter Videospiele gespielt hat.

          Sie wollen Helden sein: In ihren Inszenierungen setzen sie Filme und Spiele fort, in denen sie sich stärker zu Hause fühlen als in der Realität.

          Das Problem der Amokläufer-These aber ist ein anderes: Indem man die Gewalt mit der seelischen Verfassung der Täter begründet, macht man aus einem gesellschaftlichen ein individuelles Problem. Gegen eine klinisch attestierte Depression hilft scheinbar keine Politik, sondern, wenn überhaupt, nur eine Therapie. Selbst mit den fortschrittlichen Methoden der Geheimdienste aber dürfte es schwerfallen, sich noch „stärker in solche Gehirnwindungen hineinzudenken“, wie es der bayerische Innenminister Joachim Herrmann nach den Angriffen in Würzburg ausdrückte. Womöglich ahnt oft nicht einmal der Täter selbst, dass ein Massenmörder in ihm steckt.

          Dabei ist möglicherweise nichts so politisch wie der Wahnsinn, der in den modernen Gesellschaften immer wieder ausbricht. Wer nach Gründen für den Anstieg der Massenmorde, die fast immer auch Selbstmorde sind, sucht, sollte die Antwort daher nicht bei Ärzten suchen, sondern, wie es der italienische Philosoph und Medientheoretiker Franco „Bifo“ Berardi formuliert, in der „Verwandlung des gesellschaftlichen Lebens in eine Fabrik des Unglücks“.

          Die zweithäufigste Todesursache junger Menschen

          In seinem vor kurzem erschienenen Buch „Helden“ (Matthes & Seitz Berlin, 282 Seiten, 22,90 Euro) hat sich Berardi ausführlich mit all diesen Typen beschäftigt, mit Massenmördern, Amokläufern und anderen Selbstmördern. Das suizidale Wesen der Taten ist ein Merkmal, welches von den kriminalistischen Analysen völlig ignoriert wird. Berardi hält es für das entscheidende Element. Politische Motivation, schreibt er, sei „nichts anderes als rhetorische Oberfläche. Der innerste Antrieb eines Selbstmörders ist immer die eigene Verzweiflung, Demütigung und Not.“ Berardi geht es dabei nicht einfach um jene banale These, welche soziales Unglück für den Terror verantwortlich macht. Schließlich kommen auf jeden depressiven Massenmörder Millionen, die ihr Schicksal geduldig ertragen. Und eine Gesellschaft, die sich für die Abschaffung des sozialen Elends erst dann interessiert, wenn es sich in spektakulärer Brutalität entlädt, ist sowieso schon verloren.

          Berardi sucht viel eher nach einer Antwort auf die Frage, warum das Leiden an den gesellschaftlichen Zuständen heute so oft im Akt der Selbstauslöschung endet. Und warum dieser immer aggressivere Formen annimmt. Die Zahl der Selbstmorde nämlich ist in den letzten 45 Jahren der Weltgesundheitsorganisation zufolge um 60 Prozent gestiegen. In den Jahren nach der Finanzkrise hat sie sich in manchen europäischen Ländern verdoppelt. Heute ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache unter jungen Menschen. Man kann das sicher als Epidemie bezeichnen – nur dass eben an ihrer Verbreitung keine Bakterien schuld sind, sondern ein bestimmtes gesellschaftliches Klima. Dabei hat dieses Phänomen nur noch wenig mit dem romantischen Selbstmord des 19. Jahrhunderts zu tun. „Selbstmord“, schreibt Berardi, „ist längst kein marginales Phänomen einer isolierten Psychopathologie mehr, sondern ein Hauptakteur der politischen Geschichte unserer Zeit.“

          Helden eines nihilistischen Zeitalters

          Begonnen hat diese Geschichte, glaubt man Berardi, im Jahr 1977, was natürlich eher ein symbolisches Datum ist. Es ist das Jahr, in dem David Bowie seine „Heroes“ besingt: Helden, die keine echten Helden mehr waren, sondern nur noch Simulationen, Identifikationsangebote aus dem Reich der Fiktionen, just for one day. In diesem Sinne bezeichnet Berardi die Selbstmörder von heute als „Helden eines nihilistischen Zeitalters“: In ihren Inszenierungen setzen sie jene Filme und Spiele fort, in denen sie sich auf eine Weise zu Hause fühlen, wie sie es in der frustrierenden Wirklichkeit nicht tun. Sie haben kein Interesse mehr daran, etwas in einer Realität zu bewirken, welche sie vor allem gelehrt hat, dass sie sie doch nicht ändern können. Dass es keine Alternative zur herrschenden Realität gibt, wie Margaret Thatcher unermüdlich betonte, die zwei Jahre nach Bowies Song britische Premierministerin wird, wissen sie, auch wenn sie nie von ihr gehört haben.

          Helden, die keine echten Helden mehr sind, sondern Simulationen, Identifikationsangebote aus dem Reich der Fiktionen, just for one day.

          Auf unterschiedlich irre Weise scheiterte fast jeder Amokläufer der jüngeren Zeit daran, Wirklichkeit und Fiktion auseinanderzuhalten: die Jungs der Columbine High School, die vor der Tat darüber diskutieren, ob ihre Story später von Steven Spielberg verfilmt werden sollte oder von Quentin Tarantino; James Holmes, der sich für den Joker hielt, als er während einer „Batman“-Premiere ins Publikum ballerte und später wissen wollte, wie der Film zu Ende gegangen sei; Anders Breivik in seiner Phantasieuniform. Oder eben die Islamisten von heute, die sich mit selbstgebastelten Fanartikeln als Soldaten eines erfundenen Staates verkleiden.

          Es sind auch unsere Stimmen

          Am deutlichsten aber offenbarte sich dieser „Entrealisierungsprozess“ zu jener Zeit in der Transformation der ökonomischen Prinzipien, in der Entwicklung dessen, was Berardi „Semio-Kapitalismus“ nennt: ein Kapitalismus, der nicht mehr Arbeitskraft oder Waren tauscht, sondern nur noch abstrakte Zeichen; ein Kapitalismus, der nicht mehr mit realen Waren handelt, sondern mit Fiktionen; ein Kapitalismus, der Zeit und Raum überschreitet und den Menschen auch jenseits seiner Arbeit keine Ruhe lässt. Im „Semio-Kapitalismus“ gibt es keine Arbeiter mehr, die sich als Teil einer Klasse begreifen und gemeinsam gegen ihr soziales Elend kämpfen. Es gibt nur noch Unternehmer ihrer selbst, Ich-AGs, die verinnerlicht haben, dass sie selbst für ihre Situation verantwortlich sind. Der Selbstmord ist dabei einerseits die tragische Interpretation des Imperativs, seine Probleme gefälligst aus eigener Kraft zu lösen; und anderseits ein Ritual, welches – vor allem, wenn es mit politischen Fiktionen aufgeladen wird – die Illusion beinhaltet, wenigstens mit der letzten selbstbestimmte Handlung des Lebens Teil der Gemeinschaft der Verzweifelten zu werden.

          Die Stimmen, die die Attentäter in ihren Köpfen hören, spiegeln gesellschaftliche Inhalte wieder. Es sind auch unsere Stimmen.

          Dass der Wahn der psychotischen Täter dabei auch von aktuellen politischen Debatten gefärbt wird, ist kein ungewöhnliches Symptom. In einem Interview mit dem „Spiegel“ , erklärte die Psychiaterin Nahlah Saimeh vor kurzem, wie gesellschaftliche Themen „Bestandteil schizophrener Denkinhalte werden“ können: „In den Achtzigern gab es oft Wahnvorstellungen, in denen es um Strahlung ging. Das war kurz nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Heute sind es eben andere große Themen wie Brexit oder in Deutschland die Flüchtlingskrise.“ Stimmen zu hören ist ein typisches Merkmal einer Psychose; kein Wunder, dass es sich bei diesen Stimmen auch um jene Parolen handeln kann, die gerade am lautesten zu hören sind: „Die Stimme im Kopf könnte also plötzlich sagen: ,Du musst Deutschland retten.‘“, sagt Saimeh. „So hat die Wahnvorstellung dann plötzlich eine politische Färbung.“

          Das ist womöglich die bitterste Erkenntnis: Es sind auch unsere Stimmen, die die Verrückten hören, die Stimmen jener, die sich für normal und gesund halten. Wenn das stimmt, müssen wir dringend damit beginnen, uns neue Geschichten zu erzählen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.
          Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

          F.A.Z.-Sprinter : Teurere Flugtickets – fürs Klima?

          Die Bundesregierung berät über Klimaschutzmaßnahmen, die EU-Innenminister streiten über die Flüchtlingsverteilung – und in Königswinter beginnt der Petersburger Dialog. Was heute sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.