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Attentat von München : Stimmen im Kopf

Helden eines nihilistischen Zeitalters

Begonnen hat diese Geschichte, glaubt man Berardi, im Jahr 1977, was natürlich eher ein symbolisches Datum ist. Es ist das Jahr, in dem David Bowie seine „Heroes“ besingt: Helden, die keine echten Helden mehr waren, sondern nur noch Simulationen, Identifikationsangebote aus dem Reich der Fiktionen, just for one day. In diesem Sinne bezeichnet Berardi die Selbstmörder von heute als „Helden eines nihilistischen Zeitalters“: In ihren Inszenierungen setzen sie jene Filme und Spiele fort, in denen sie sich auf eine Weise zu Hause fühlen, wie sie es in der frustrierenden Wirklichkeit nicht tun. Sie haben kein Interesse mehr daran, etwas in einer Realität zu bewirken, welche sie vor allem gelehrt hat, dass sie sie doch nicht ändern können. Dass es keine Alternative zur herrschenden Realität gibt, wie Margaret Thatcher unermüdlich betonte, die zwei Jahre nach Bowies Song britische Premierministerin wird, wissen sie, auch wenn sie nie von ihr gehört haben.

Helden, die keine echten Helden mehr sind, sondern Simulationen, Identifikationsangebote aus dem Reich der Fiktionen, just for one day.

Auf unterschiedlich irre Weise scheiterte fast jeder Amokläufer der jüngeren Zeit daran, Wirklichkeit und Fiktion auseinanderzuhalten: die Jungs der Columbine High School, die vor der Tat darüber diskutieren, ob ihre Story später von Steven Spielberg verfilmt werden sollte oder von Quentin Tarantino; James Holmes, der sich für den Joker hielt, als er während einer „Batman“-Premiere ins Publikum ballerte und später wissen wollte, wie der Film zu Ende gegangen sei; Anders Breivik in seiner Phantasieuniform. Oder eben die Islamisten von heute, die sich mit selbstgebastelten Fanartikeln als Soldaten eines erfundenen Staates verkleiden.

Es sind auch unsere Stimmen

Am deutlichsten aber offenbarte sich dieser „Entrealisierungsprozess“ zu jener Zeit in der Transformation der ökonomischen Prinzipien, in der Entwicklung dessen, was Berardi „Semio-Kapitalismus“ nennt: ein Kapitalismus, der nicht mehr Arbeitskraft oder Waren tauscht, sondern nur noch abstrakte Zeichen; ein Kapitalismus, der nicht mehr mit realen Waren handelt, sondern mit Fiktionen; ein Kapitalismus, der Zeit und Raum überschreitet und den Menschen auch jenseits seiner Arbeit keine Ruhe lässt. Im „Semio-Kapitalismus“ gibt es keine Arbeiter mehr, die sich als Teil einer Klasse begreifen und gemeinsam gegen ihr soziales Elend kämpfen. Es gibt nur noch Unternehmer ihrer selbst, Ich-AGs, die verinnerlicht haben, dass sie selbst für ihre Situation verantwortlich sind. Der Selbstmord ist dabei einerseits die tragische Interpretation des Imperativs, seine Probleme gefälligst aus eigener Kraft zu lösen; und anderseits ein Ritual, welches – vor allem, wenn es mit politischen Fiktionen aufgeladen wird – die Illusion beinhaltet, wenigstens mit der letzten selbstbestimmte Handlung des Lebens Teil der Gemeinschaft der Verzweifelten zu werden.

Die Stimmen, die die Attentäter in ihren Köpfen hören, spiegeln gesellschaftliche Inhalte wieder. Es sind auch unsere Stimmen.

Dass der Wahn der psychotischen Täter dabei auch von aktuellen politischen Debatten gefärbt wird, ist kein ungewöhnliches Symptom. In einem Interview mit dem „Spiegel“ , erklärte die Psychiaterin Nahlah Saimeh vor kurzem, wie gesellschaftliche Themen „Bestandteil schizophrener Denkinhalte werden“ können: „In den Achtzigern gab es oft Wahnvorstellungen, in denen es um Strahlung ging. Das war kurz nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Heute sind es eben andere große Themen wie Brexit oder in Deutschland die Flüchtlingskrise.“ Stimmen zu hören ist ein typisches Merkmal einer Psychose; kein Wunder, dass es sich bei diesen Stimmen auch um jene Parolen handeln kann, die gerade am lautesten zu hören sind: „Die Stimme im Kopf könnte also plötzlich sagen: ,Du musst Deutschland retten.‘“, sagt Saimeh. „So hat die Wahnvorstellung dann plötzlich eine politische Färbung.“

Das ist womöglich die bitterste Erkenntnis: Es sind auch unsere Stimmen, die die Verrückten hören, die Stimmen jener, die sich für normal und gesund halten. Wenn das stimmt, müssen wir dringend damit beginnen, uns neue Geschichten zu erzählen.

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