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Attentat von München : Stimmen im Kopf

Nichts ist so politisch wie der Wahnsinn

Was aber bedeutet es, wenn die Gefahr immer öfter von Menschen ausgeht, die an psychischen Störungen leiden, ob sie sich im Moment ihrer Taten zu einer größeren Sache bekennen oder nicht? Dass es sich bei vielen Terroristen um pathologische Fälle des Wahnsinns handelt, um Menschen, die man besser mit Typen wie Anders Breivik oder den Massenmördern von Littleton vergleichen sollte, als eine ganze Religion für sie haftbar zu machen, ist zunächst einmal eine wichtige Verschiebung: Der Islamismus ist nicht das „Motiv“, sondern das derzeit populärste Muster des Terrors, die Form, in der er sich artikuliert. Jede Zeit hat ihre eigene Chiffre für besinnungslose Gewalt. Am Fall von München kann man beispielhaft ablesen, wie sie sich ändern. Die ganze ungewisse Nacht über hörte man die gewagtesten Spekulationen – nur die Frage, die noch vor ein paar Jahren unvermeidlich gewesen wäre, fehlte: ob der Täter Videospiele gespielt hat.

Sie wollen Helden sein: In ihren Inszenierungen setzen sie Filme und Spiele fort, in denen sie sich stärker zu Hause fühlen als in der Realität.

Das Problem der Amokläufer-These aber ist ein anderes: Indem man die Gewalt mit der seelischen Verfassung der Täter begründet, macht man aus einem gesellschaftlichen ein individuelles Problem. Gegen eine klinisch attestierte Depression hilft scheinbar keine Politik, sondern, wenn überhaupt, nur eine Therapie. Selbst mit den fortschrittlichen Methoden der Geheimdienste aber dürfte es schwerfallen, sich noch „stärker in solche Gehirnwindungen hineinzudenken“, wie es der bayerische Innenminister Joachim Herrmann nach den Angriffen in Würzburg ausdrückte. Womöglich ahnt oft nicht einmal der Täter selbst, dass ein Massenmörder in ihm steckt.

Dabei ist möglicherweise nichts so politisch wie der Wahnsinn, der in den modernen Gesellschaften immer wieder ausbricht. Wer nach Gründen für den Anstieg der Massenmorde, die fast immer auch Selbstmorde sind, sucht, sollte die Antwort daher nicht bei Ärzten suchen, sondern, wie es der italienische Philosoph und Medientheoretiker Franco „Bifo“ Berardi formuliert, in der „Verwandlung des gesellschaftlichen Lebens in eine Fabrik des Unglücks“.

Die zweithäufigste Todesursache junger Menschen

In seinem vor kurzem erschienenen Buch „Helden“ (Matthes & Seitz Berlin, 282 Seiten, 22,90 Euro) hat sich Berardi ausführlich mit all diesen Typen beschäftigt, mit Massenmördern, Amokläufern und anderen Selbstmördern. Das suizidale Wesen der Taten ist ein Merkmal, welches von den kriminalistischen Analysen völlig ignoriert wird. Berardi hält es für das entscheidende Element. Politische Motivation, schreibt er, sei „nichts anderes als rhetorische Oberfläche. Der innerste Antrieb eines Selbstmörders ist immer die eigene Verzweiflung, Demütigung und Not.“ Berardi geht es dabei nicht einfach um jene banale These, welche soziales Unglück für den Terror verantwortlich macht. Schließlich kommen auf jeden depressiven Massenmörder Millionen, die ihr Schicksal geduldig ertragen. Und eine Gesellschaft, die sich für die Abschaffung des sozialen Elends erst dann interessiert, wenn es sich in spektakulärer Brutalität entlädt, ist sowieso schon verloren.

Berardi sucht viel eher nach einer Antwort auf die Frage, warum das Leiden an den gesellschaftlichen Zuständen heute so oft im Akt der Selbstauslöschung endet. Und warum dieser immer aggressivere Formen annimmt. Die Zahl der Selbstmorde nämlich ist in den letzten 45 Jahren der Weltgesundheitsorganisation zufolge um 60 Prozent gestiegen. In den Jahren nach der Finanzkrise hat sie sich in manchen europäischen Ländern verdoppelt. Heute ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache unter jungen Menschen. Man kann das sicher als Epidemie bezeichnen – nur dass eben an ihrer Verbreitung keine Bakterien schuld sind, sondern ein bestimmtes gesellschaftliches Klima. Dabei hat dieses Phänomen nur noch wenig mit dem romantischen Selbstmord des 19. Jahrhunderts zu tun. „Selbstmord“, schreibt Berardi, „ist längst kein marginales Phänomen einer isolierten Psychopathologie mehr, sondern ein Hauptakteur der politischen Geschichte unserer Zeit.“

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