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Amoklauf in Colorado : Ein Gewaltritus, den wir kennen

  • -Aktualisiert am

Sicher werden wieder einmal ein paar Waffenvorschriften geändert. Doch Colorado wird auch nach dem Blutbad im Kino von Aurora seinen Bürgern weiter erlauben, ihre Ausflüge mit geladenen Feuerwaffen abzusichern.

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          Und schaurig wie immer, der Druck auf die Wiederholungstaste. „Wir haben diesen Film schon einmal gesehen“, protestiert in der „New York Times“ der altgediente Filmkritiker Roger Ebert. Die ganze Welt kennt ihn inzwischen, von seinem blutüberströmten Beginn bis zum finalen Fadeout, das alles beim alten belässt und damit die Fortsetzung garantiert. So akut der Schmerz der Angehörigen der Opfer, so geübt das Entsetzen der Nation. In absurder Perfektion schnurrt das Medienritual ab, mächtig umbraust vom Riesenchor der Profiler, Psychologen, Politiker, Kulturkritiker, Augenzeugen, Gewalt-, Trauer- und Verfassungsexperten. Nirgendwo aber wiederholen sich die Argumente irrsinniger als in der Endlosschleife der Waffendebatte. Die Folgen des Massakers von Colorado sind darum abzusehen. Wie nach dem Amoklauf an der High School von Columbine werden wohl auch nach dem Blutbad im Kino von Aurora ein paar Waffenvorschriften verschärft. Aber viel ändern wird sich nicht. Colorado wird wohl ein Bundesstaat bleiben, der seinen Bürgern erlaubt, ihren Autoausflug mit geladenen Feuerwaffen abzusichern.

          Fundamentalistische Waffenlobby

          Der Versuch der University of Colorado, auf dem Campus das Tragen verborgener Waffen zu verbieten, wurde von einer Waffenlobby vereitelt, die das Recht auf Waffenbesitz mit der Unerbittlichkeit von Bibelfundamentalisten aus dem zweiten Verfassungszusatz herleitet. Jede Einschränkung wird von ihr als unamerikanisch gebrandmarkt. Auch diesmal sind Waffenrechtler schnell bei der Hand, die Katastrophe für ihre Zwecke umzudeuten. Statt zu überlegen, ob nicht doch die leichte Verfügbarkeit von Waffen eine Rolle gespielt haben könnte, werfen sie dem Kinobesitzer von Aurora vor, mit dem Waffenverbot für sein Haus das Massaker womöglich noch gefördert zu haben. Hätten einige rechtschaffene Besucher ihre Pistolen ziehen können, so ein Vertreter der Waffenlobby, wäre bestimmt das Schlimmste zu vermeiden gewesen. Selbst soll der Bürger sich am besten schützen. Das Misstrauen gegenüber dem Staat, im Wahlkampf längst von republikanischen Kulturkämpfern zum Credo erhoben, setzt sich hier fort.

          Wiederholung ist zu befürchten

          Endlos, ergebnislos muss sich nun die Fernsehdebatte über die Gewalttat im Kreis drehen. Zuschauen aber könnte, wie Roger Ebert es sich und uns schon warnend ausmalt, der Nächste, der sich eine Waffensammlung zulegt, um irgendwann seine Wut an der Welt auszulassen. Eine Befürchtung, die einer Garantie gleichkommt.

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