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Amerikas Blick auf Europas Krise : Demo, Büro, Techno, Euro

Zu wenig Technokratie sieht der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, wenn er nach Europa blickt Bild: dpa

Welche Kratie? Amerikas Ökonomen blicken auf Europas Krise und stellen eine Diagnose, die auf die eigene Nation noch viel besser passen würde.

          3 Min.

          Wie hieß das Land, in dem die Immobilienkrise ihren Ausgang nahm? Welcher Staatshaushalt stand kürzlich vor seinem Ende, weil Neuverschuldung politisch fast nicht durchgesetzt werden konnte? In welcher Nation ist der Schuldenstand pro Einwohner höher als in Irland und Spanien, in der EU insgesamt und in der Eurozone im Besonderen? Und in welcher ist der staatliche Schuldenstand im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung größer als in Portugal, Deutschland und Frankreich? Wer ist der Hauptschuldner Chinas?

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Die Antwort auf diese Fragen ist immer dieselbe und müsste für amerikanische Ökonomen wie Paul Krugman, Barry Eichengreen und Kenneth Rogoff oder für Sachbuchautoren wie den Historiker Niall Ferguson, die sich derzeit über die Eurokrise äußern, eigentlich eine Information sein. Ferguson hat gerade im „Spiegel“ die Degeneration Europas diagnostiziert. Es gebe auf dem Kontinent zu wenig Wettbewerb, das Arbeitsethos sei nur noch bei den Deutschen verbreitet, und auch in puncto Rechtsstaatlichkeit drifteten die europäischen Länder auseinander. Jetzt müssten sich die Europäer schon zu demütigenden Bittreisen nach Peking aufmachen, um sich dort belehren zu lassen.

          Politisierte Diagnosen

          Das unterscheidet sich natürlich, auch wenn es sich auf Berichte des Weltwirtschaftsforums beruft, von Redensarten am Stammtisch nur durch die Zahl der Nebensätze. Denn mit derart allgemeinen und beliebig ausgedeuteten Gesichtspunkten - Rechtsstaatlichkeit in China? Haushaltsdisziplin in Washington? Arbeitsethos in Großbritannien? - kann der Zeitdiagnostiker die Nationen und Regionen auf- und absteigen lassen, wie es ihm gerade passt.

          Der Satz von Thukydides, im Krieg verlören die Worte ihre feste Bedeutung, weil alle nur noch taktisch verwendet würden, gilt offenbar auch für Wirtschaftskrisen. Das diagnostische Vokabular wird hemmungslos politischen Bedürfnissen unterstellt, obwohl im intellektuellen Tutti jegliche Stimme ohne Einfluss ist, weil sich alle überlagern. Mal erpressen die Märkte Staaten, mal Staaten andere Staaten mit der Drohung, das Geschehen dem Markt zu überlassen, dann wieder drohen Staaten Banken mit Stärke oder Banken Staaten damit, schwach zu werden - und so weiter. Wer feste Präferenzen hat, kann aus diesen Zirkularitäten und wechselseitigen Abhängigkeiten jederzeit ein beliebiges Stück herausnehmen, hochhalten und rufen: Seht her, ich hab die Schuldigen, hier ist die Kausalität, das wäre die Moral! Oder kann das, was jenseits des Atlantik ein X ist, uns diesseits für ein U vormachen.

          Wer darf wem vertrauen?

          Kenneth Rogoff etwa, einst Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und wie Ferguson Professor in Harvard, beschreibt Europa so, dass sich der Spruch von Donald Rumsfeld über das „alte Europa“ wie ein Kosewort ausnimmt. Er wundert sich öffentlich, dass der Euro im Verhältnis zum Dollar nach wie vor recht robust dasteht und verlacht die Händler an den Devisenmärkten als Gnome, die auf die Rettungspläne der EU hereinfielen. Also können Märkte irren? Oder schätzen sie, Rogoff kann ja in seinen eigenen Schriften nachschauen, einfach die Verschuldung in der Eurozone doch nicht als ganz so desaströs ein wie die in den Vereinigten Staaten?

          Barry Eichengreen, Politökonom in Berkeley, fragt (F.A.Z. vom 6.November), wer denn den Griechen das viele Geld geliehen habe, die Griechen seien daran doch nicht allein schuld, um im selben Satz Vertrauen in Griechenland, also weitere Geldleihe, zu fordern. Die Politik soll also vertrauen, wo es die Märkte nicht mehr tun, aber nicht, weil die Politik Vertrauen hätte, sondern weil andernfalls Italien dran und mithin auch Amerika nicht mehr sicher wäre? Doch wer soll denn nun seinerseits in diese Logik Vertrauen setzen?

          Technokratie und Einfühlung

          Vielleicht wäre es ja ehrlicher, wenn die Ökonomen, Wirtschaftshistoriker und Politikwissenschaftler zugäben, dass sie es ebenfalls nicht verstehen. Anstatt zu behaupten, sie hätten es schon lange kommen sehen und wüssten überdies nicht nur, was nun zu tun sei, sondern auch dass das, was zu tun sei, Freiheit, Demokratie, Wohlstand, Effizienz und Gerechtigkeit befördere.

          Interessant immerhin die Stimme von Paul Krugman. Der in Princeton lehrende Ökonom meint zuletzt nur, die europäischen Politik-Eliten seien noch aufgeblasener als die in Washington. Dabei beschäftigen Krugman weniger Demokratieprobleme. Wieso auch, weder Zentralbanker noch EU-Kommissare sind von dem bestimmt, was dann gern als „Volk“ angesprochen wird. Nein, nicht dass in Europa keine Demokraten herrschten, nicht, dass es Kraten ohne Demos sind, irritiert ihn. Vielmehr sieht er in Europa „Crats, Maybe, But Not Much Techno“ am Werk. Man folgt Inflationsängsten, Strafimpulsen, Vertrauensredensarten, Gerechtigkeitspassionen anstatt Zahlen. Alle sind voller Einfühlung: in Märkte, Bürger, Griechen, Deutsche, Sparer. Die Europäische Union leidet, da ist dem Liberalen Krugman recht zu geben, an einem Technokratiedefizit.

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