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Noam Chomsky wird neunzig : Wie die Sprache zur Unvernunft kommt

Noam Chomsky hier 2014 in Karlsruhe im Zentum für Kunst und Medientechnologie. Bild: dpa

Die Auftritte des als Linguist bekannt gewordenen Amerikaners Noam Chomsky gelten seit Jahrzehnten der Kritik: des Kapitalismus, der Elitenverschwörung, der manipulierten Meinung. Heute wird er neunzig Jahre alt.

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          Seit dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wird diskutiert, warum die Vereinigten Staaten die einzige Demokratie sind, in der es nie eine nennenswerte sozialistische Partei gab. Die Erklärungen sind vielfältig: zu viel Individualismus in der amerikanischen Mentalität; keine Privilegienherrschaft einer aristokratischen Schicht, die revolutionär hätte abgeräumt werden müssen; zu viel Föderalismus und regionale Differenzen; ein zu hoher Stellenwert der Rassenfrage und der Minderheiten, was die soziale Ungleichheit angeht.

          Noam Chomsky, der seit mehr als fünfzig Jahren eine Art nicht wählbaren Ein-Mann-Sozialismus in Amerika darstellt, erklärt sich das anders: Es gebe in den Vereinigten Staaten keine radikalen Intellektuellen, am Ende seien hier auch die Linken Anhänger des Pragmatismus. Die Demokraten interessierten sich nicht für die Arbeiterklasse, und, so kann man ergänzen, der Marxismus war im Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten stets sehr komfortabel an den Universitäten angesiedelt, ein akademisches Phänomen ohne Bedürfnis, sich zu organisieren.

          In Wahrheit sprechen alle „Mentalesisch“

          Chomsky ist der Sohn jüdischer Einwanderer aus Litauen und der Ukraine. Berühmt wurde er, dessen Vater Hebräischlehrer war, als Linguist. Die Fähigkeit, Sätze zu bilden, sei angeboren, lautet das Dogma gleich seines ersten Buches, das ihn sofort berühmt machte: „Syntactic Structures“ von 1957. Alle Sprachen, hieß es da, folgen denselben Regeln, auch wenn es sich natürlich nicht so anhört, wenn Franzosen mit Deutschen sprechen. Alles nur Unterschiede an der Oberfläche, sagt Chomsky, in Wahrheit sprechen alle „Mentalesisch“, man muss eben abstrahieren können, und das konnte er. Die Beweislast, die er sich und den Seinen mit dieser These auflud, es gebe eine Universalgrammatik, die mathematisch darstellbar sei, brachte eine ungeheure Fülle von Untersuchungen des ihr scheinbar Widersprechenden, der Klassifikation sich Entziehenden hervor. Und eine ganze Reihe von komplizierten Revisionen, nur nicht im Grundsätzlichen. An Chomskys Argument, dass Kinder schneller sprechen lernen, als es durch das, was sie hören, erklärbar wäre, kommt jedenfalls keine Sprachwissenschaft mehr vorbei.

          Längst aber ist der Bostoner Linguist hinter seiner anderen Abstraktionsfähigkeit zurückgetreten. Chomskys prominente Auftritte gelten seit Jahrzehnten mehr der Kritik: des Kapitalismus, der Elitenverschwörung, Israels, der manipulierten Meinung, des militärisch-industriellen Komplexes. Hier sind es nicht die Verzweigungen der sprachlichen reinen Vernunft, denen er nachgeht, sondern die der gesellschaftlichen Unvernunft, in der sprechen handeln heißt.

          Unvernunft muss er dabei nennen, was andere als Evolution oder Geschichte bezeichnen würden. Für diese Begriffe war schon in seiner Sprachtheorie wenig Platz. Die Menschen, so formuliert er, werden von Politik und Wirtschaft in einer konzertierten Aktion davon abgehalten, zu sehen, was wirklich ist. Das Böse ist für Noam Chomsky insofern aufgebaut wie Sprache: aus einem unsichtbaren Zentrum heraus, das man verstehen kann, weil es eine Logik hat und nur eine. An diesem Freitag wird Noam Chomsky neunzig Jahre alt.

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