https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/amerikaner-und-die-deutsche-sprache-12836528.html

Amerikaner und die deutsche Sprache : Have you hier Schillers „Jungfrau von New Orleans“?

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Mark Twain schimpfte noch über „The Awful German Language“. Heute finden Amerikaner die deutsche Sprache supercool. Bild: dapd

Plötzlich finden die Amerikaner die deutsche Sprache supercool. Sie schwärmen von Berlin, lesen Heidegger und geben ihren Bars Namen mit Umlauten. Aber das hat seine uncoolen Tücken.

          4 Min.

          NEW YORK, im März

          Ich bin uncool. Ich bin Anfang vierzig und meistens in der üblichen Uniprofessorentracht anzutreffen. Ich habe keine Tätowierungen und gehe immer öfters früh ins Bett, wo der unruhige Schlaf der Midlife-Crisis schon ungeduldig auf mich wartet. Deshalb irritiert mich eine Frage, die mir seit ein paar Monaten regelmäßig gestellt wird. Aber als amerikanischer Betreiber eines Twitter-Accounts (@NeinQuarterly), dem eine gewisse Hassliebe zum Deutschen innewohnt, sollte gerade ich doch eine Antwort darauf geben können: „Ist Deutsch jetzt cool in Amerika?“

          Die Sprache des Befehle brüllenden Nazis? Die steife Sprache der Verwaltung? Die ständig parodierte Sprache eines Arnold Schwarzenegger? Aber ja, doch. Das habe ich mir wenigstens sagen lassen. Schließlich spiegelt das ja auch das Interesse an meinem eigenen Twitter-Account, in dem übertriebene oder umgedrehte Klischees gelegentlich auf höflichen Beifall dies- und jenseits des Atlantiks stoßen.

          Dort wird unter anderem die vermeintliche Härte der Sprache kommentiert: „Deutsch kann so schön sein. Will aber nicht.“ Oder: „German is for lovers. Angry lovers. Of grammar.“ Die unbeliebten langen Komposita: „German words aren’t too long. Life’s too short.“ Oder: „It doesn’t take long to learn your first German word. Just to say it.“ Und nicht zuletzt die Grammatik: „You know you’re in love with German when you start getting lost in its syntax.“

          Heidegger statt Hemingway

          Solche Einzeiler genügen, um einen Nicht-Coolen wenigstens kurz in der Presse zum Coolness-Experten zu machen. Man wird befragt. Man wird zitiert. Man bestätigt das, was man eigentlich selbst nicht so genau weiß. Zum Schluss bekommt man Schlagzeilen zu lesen wie „Deutsch als Twitter-Trend“ oder „Yes, We Speak Deutsch.“ Oder gar: „Superfantastisch - Deutsch ist der Sound der globalen Hedonie.“ Alles schön und gut, aber man wundert sich manchmal darüber - nicht zuletzt, warum die globale Hedonie offenbar Probleme mit dem Wort „Klang“ hat.

          „Vielen Deutschen ist das Interesse fast unheimlich“, erzählte mir neulich ein Reporter. Dann fragte er: „Ist Deutsch jetzt wirklich cool, oder ist es eher ein ironischer Gebrauch?“ Meine Antwort: „Ein ironischer Gebrauch. Und deshalb wirklich cool.“ Na ja. Hübsche Begründung vielleicht. Sie reicht aber nicht aus. So viel jedenfalls steht aber fest: In den amerikanischen Hipstervierteln, vor allem in und um New York City, gibt es in der Tat einige Cafés und Kneipen mit deutschen Namen.

          Paradebeispiel: ein (ziemlich undeutsches) Barbecue-Restaurant in Brooklyn namens „Fette Sau“. Dazu erleben das Präfix „über-“ und die Umlaute einen kleinen „Bööm“ in der Sprache des Marketing. Man schwärmt von Berlin anstatt von Prag oder Paris, liest neuerdings Heidegger statt Hemingway. Das ist an sich nichts Neues, vor allem die Faszination für Berlin und Umlaute haben Tradition in der Namensgebung sowohl von amerikanischen Heavy Metal Bands als auch Haar-Gel und Frühstücksmüsli.

          Frage nach dem Coolness-Faktor

          Neulich teilte ich die Bühne des „Deutschen Hauses“ an der New York University mit Ben Schott, dem britischen Autor des großartigen neuen Buches „Schottenfreude. Meisterwerke der deutschen Sprache“, und mit Tim Mohr, einem renommierten amerikanischen Übersetzer deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Der Titel des Abends lautete „Talking German“, und auch dort hing die Frage nach dem Coolness-Faktor des Deutschen in der Luft. Wir mussten uns stellen.

          Weitere Themen

          Die Macht der Datenbarone

          FAZ Plus Artikel: DIGTEC : Die Macht der Datenbarone

          Zielt Elon Musk mit seinem Interesse an Twitter wirklich auf mehr Meinungsfreiheit? In jedem Fall geht es um den Zugang zu Daten – mit denen freie Gesellschaften viel Gutes tun könnten.

          Topmeldungen

          Das Kapitol in Washington, vom Supreme Court aus gesehen

          Urteil des Obersten Gerichts : Amerikas Klima-Versager

          Der Supreme Court macht deutlich: Klimapolitik ohne Kongress geht nicht. Seine Entscheidung ist nachvollziehbar – was allerdings nicht tröstet.
          Hat Corona – und hat recht: Hubert Aiwanger

          Fraktur : Ausgerechnet Aiwanger!

          Ist es besser, Corona vom bayerischen Wirtschaftsminister zu bekommen als von Martin Semmelrogge? Oder ist schon die Frage ungehörig?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.