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Amerika unter Bush : Die Leni-Riefenstahlisierung

  • Aktualisiert am

Bush ist ein Radikaler: Fritz Stern Bild: AP

So viel Macht auf einer Seite angehäuft zu sehen, erfüllt mit großer Sorge: Ein Interview mit dem Historiker Fritz Stern, der Bushs Amerika auf dem Weg zu einer christlich-fundamentalistisch verbrämten Plutokratie sieht.

          Heute wird George W. Bush in seine zweite Amtszeit als amerikanischer Präsident eingeführt. Zu diesem Anlaß äußert sich der Historiker Fritz Stern über die Sorgen, mit denen er die Politik seines Präsidenten beobachtet. Stern wurde 1926 in Breslau geboren und emigrierte 1938 in die Vereinigten Staaten. 1999 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

          Frage: Können Sie dem patriotischen Pomp, der sich in diesen Tagen über Washington ergießt, etwas abgewinnen?

          Außer Abscheu?

          So schlimm finden Sie das alles?

          Das mag zu hart klingen, aber zu einer Zeit, in der ein Land sich im Krieg befindet oder sich im Krieg fühlt und sein Präsident sich immer wieder als Kriegspräsident darstellt, zu einer Zeit auch, in der eine Naturkatastrophe über die Menschheit hereingebrochen ist, wie es sie seit Jahrzehnten nicht mehr gab, kann ich angesichts dieses pompösen Aufwands, dieser großen Kosten - vierzig Millionen Dollar! - und dieses Gepränges mit, wie ich fürchte, einem gewissen militärischen Einschlag nur vorauseilendes Grausen empfinden.

          Hätten Sie denn eine Einladung des alten und neuen Präsidenten zu den Festlichkeiten angenommen?

          Über Undenkbares lohnt es sich nicht nachzudenken.

          Als Ihnen Außenminister Fischer vor wenigen Wochen die Leo-Baeck-Medaille überreichte, bekannten Sie, daß die Präsidentenwahl Ihre „begründeten Befürchtungen“, Ihre „Sorge um die unmittelbare Zukunft des Landes, das uns rettete, uns erzog und uns so viel gab“, nur noch intensiviert habe. Was ängstigt Sie jetzt an Amerika?

          In der Wahlnacht wurde ich gefragt, ob es eine welthistorische Wahl sei, was ich bejahte. Außerdem sagte ich, man dürfe nicht vergessen, daß wir es mit einer Wahl zwischen einem Konservativen, also Kerry, und einem Radikalen, also Bush, zu tun hätten. Denn er hat von Anfang an einen radikalen Bruch mit den Hauptprinzipien der von beiden Parteien getragenen Außenpolitik vollzogen.

          Einiges erinnert an Reagan, aber schon vor dem 11. September vollzog sich eine radikale Änderung in der Außenpolitik. Zudem kam es zu einem Rechtsruck in der Innenpolitik, der sich noch durch den 11. September verstärkte, und zwar mit einem populistischen Appell an ein Volk, das jetzt tief gespalten ist. Ich kann nur sagen, daß der Gedanke, so viel Macht auf einer Seite angehäuft zu sehen, eine Macht, die Bush, wie er am Tag nach seiner Wahl sagte, auch zu gebrauchen gedenkt, mich mit großer Sorge erfüllt.

          Was halten Sie denn für den größten Fehler des Präsidenten?

          Die Hauptfehler eines Präsidenten, der keine Fehler gemacht haben will, liegen in der Planung respektive ungenügenden Planung des Irak-Kriegs. Aber auch seine Wirtschaftspolitik bewegt sich auf eine große Krise zu. Wie es scheint, helfen Defizite zwar im Augenblick der Wirtschaft, werden aber à la longue großen Schaden anrichten. Über jede Notwendigkeit hinaus hat die Regierung das Ansehen Amerikas in der Welt ramponiert, gar nicht davon zu reden, daß auch Bushs Politik den Alliierten gegenüber vom Beginn seiner Amtszeit an einen erschreckenden Unilateralismus erkennen ließ.

          Es ist mir wohlbekannt, daß Politiker gelegentlich die Wahrheit verschleiern. Dies aber konsequent als Politik zu betreiben, wie es die jetzige Regierung tut, und dazu gegenüber ihren eigenen Beamten und den Medien das Mittel der Einschüchterung einzusetzen, das beunruhigt mich doch sehr. Eine Bemerkung noch über die Art und Weise, wie versucht wird, das Volk zu begeistern. Als ich die Fernsehbilder von der Ankunft des Präsidenten auf dem Flugzeugträger sah, kam mir spontan in den Sinn: Das ist die Leni-Riefenstahlisierung der amerikanischen Politik, wobei ich mich früher immer absolut gegen jeden Vergleich mit diesem Teil der deutschen Geschichte gewehrt hatte.

          Der Aufstieg des Nationalsozialismus, haben Sie geschrieben, sei weder unvermeidlich noch zufällig gewesen, und er hätte gestoppt werden können, wenn es keine „staatsbürgerliche Passivität und willige Blindheit“ gegeben hätte. Es scheint, als wollten Sie eine solche Passivität und Blindheit nun in Amerika erkennen?

          Wissen Sie, aus der deutschen Geschichte kann man sehr viel lernen. Sie kann eine Warnung für jede Demokratie sein, aber dafür braucht man sie in Amerika eigentlich nicht zu bemühen, denn es gibt hier und gab hier im ganzen zwanzigsten Jahrhundert und schon vorher genügend warnende Stimmen. Es gibt eben keine hundertprozentige Garantie dafür, daß dieses Land nicht auch einmal autoritär werden könnte. Aber die deutsche Geschichte führt vor, wie eine Demokratie mit zum Teil demokratischen Mitteln untergraben und zerstört werden kann. Andererseits hat sie uns gezeigt, wie Demokratie wiederherzustellen ist.

          Das gegenwärtige Amerika ist weiß Gott nicht Weimar. Wir befinden uns hier in keiner Weise in einer vergleichbaren Krise, aber es gibt eine gewisse politische Apathie und eine Spaltung der Bevölkerung, die die liberale Opposition dazu verführen könnte, die Zustände düsterer darzustellen, als sie sind, und von Faschismus zu reden - das liegt mir völlig fern. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß Geschichte sich wiederholt, es ist dagegen viel wahrscheinlicher, daß wir mit der Gefahr einer völlig neuen Art von Autoritarismus konfrontiert werden. Das Land nähert sich einer christlich-fundamentalistisch verbrämten Plutokratie.

          Werden die altbekannten Stärken Amerikas, seine Vitalität, sein Pragmatismus, seine anscheinend unversiegbare Erneuerungskraft und seine immerhin schon seit ein paar Jahrhunderten erprobten demokratischen Strukturen, ausreichen, auch eine selbstherrliche Regierung wie die von George W. Bush im Zaum zu halten?

          Sehr viel von diesen Stärken wird einzusetzen sein, um die mehr oder weniger verdeckten Unterwanderungen der Verfassung abzuwehren und einen wirklich rechtsradikalen Rutsch zu vermeiden. Ja, Amerika hat die Kraft, von der Sie gesprochen haben, und selbstverständlich gibt es tief verwurzelte Traditionen und Institutionen liberalen Geistes, die in der Mehrheit der Bevölkerung fest verankert sind. Kurzfristig setze ich meine Hoffnung auf das mögliche Aufbrausen echter Konservativer im Lande, die die Verfassung und die Bürgerrechte als fundamental betrachten und sich daher gegen die außen- wie innenpolitischen Exzesse dieser Regierung auflehnen und schließlich sagen: Nein, so geht es nicht! Drei oder vier Senatoren könnten da schon einen Umschwung bringen.

          Jede gesunde Demokratie, haben Sie einmal gesagt, ruhe auf einem liberalen Fundament. Was verstehen Sie darunter?

          Der neokonservative Gedanke, daß Liberalismus mit mangelnder Courage, mit einem allzu großen Entgegenkommen gegenüber unterprivilegierten Schichten gleichzusetzen sei, ist eine Entstellung des wirklichen Liberalismus und auch all dessen, was unter Präsidenten wie Kennedy, Johnson und Clinton geleistet wurde. Das liberale Fundament Amerikas besteht aus Toleranz und Offenheit, wie sie die Mehrheit der Bevölkerung immer noch will, im Gegensatz zum Präsidenten, der sagt: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Diese Regierung setzt zu oft auf Geheimhaltung, Einschüchterung und Lügen.

          Gab es in der Geschichte Amerikas schon einmal eine ähnliche Krise und Gefährdung demokratischer Werte?

          Autoritäre, für das Land gefährliche Strömungen sind auch hier nicht unbekannt. Denken Sie nur an McCarthy, der schließlich von den wahren Konservativen, auf die ich auch jetzt baue, gestürzt wurde. Nun kommen allerdings außenpolitische Herausforderungen wie der Terrorismus hinzu. Es ist nicht leicht, eine Balance zu finden zwischen Bürgerrechten und dem, was getan werden muß, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten. Die Regierung Bush neigt dazu, Sicherheit den Bürgerrechten vorzuziehen, und dabei schürt sie gleichzeitig Angst, beutet sie aus und benutzt sie als Mittel für ihre Zwecke. Das halte ich für gefährlich.

          Haben Sie auf die Instrumentalisierung der Angst nicht auch schon in Ihrem Aufsatz „Nationalsozialismus als Versuchung“ verwiesen?

          Ein wichtiger Aspekt des Erfolgs von Hitler war, daß er sich als Retter dargestellt hat. Eine Versuchung der Macht ist in Amerika nun der Glaube an die militärische Überlegenheit, der uns in die Irak-Krise gestürzt hat. Die Neokonservativen aber haben die militärischen Mittel überschätzt. Historisch gesehen, ist es interessant, daß jetzt das Militär weitaus vernünftiger argumentiert als die vielen unwissenden Zivilisten in der Regierung. Die Versuchung besteht darin, daß ein Teil der Bevölkerung sich der Führung dankbar anvertraut, also der eigenen Verantwortung und dem eigenen Nachdenken entsagt. Bush mit seiner Mischung von Religion und Politik leistet dem Vorschub.

          Sie haben Bush radikal genannt. Sehen Sie denn Anzeichen, daß er diese Radikalität in den nächsten vier Jahren in gemäßigtere Bahnen lenkt?

          Es gibt Beobachter, die das glauben; ich selber zweifle daran. Wenn man so felsenfest davon überzeugt ist, nie einen Fehler gemacht zu haben, warum sollte man sich dann ändern? Bush hat jetzt mehr Macht als zuvor, und schaut man sich seine Personalpolitik seit der Wahl an, so fällt auf, daß er sich offenbar nur mit Jasagern umgeben will. In der Außenpolitik mag sich in Nuancen und im Stil einiges ändern, aus dem einfachen Grunde, weil selbst der Präsident in der Zwischenzeit erkannt hat, daß er Alliierte braucht. Darum ist vorstellbar, daß er eine konziliantere Außenpolitik betreiben und gerade auch das wirtschaftliche Umfeld ihn zu einer gewissen Vorsicht zwingen könnte. Freiwillig würde er von seinen radikalen Absichten wohl kaum abrücken.

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