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Amerika unter Bush : Die Leni-Riefenstahlisierung

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Jede gesunde Demokratie, haben Sie einmal gesagt, ruhe auf einem liberalen Fundament. Was verstehen Sie darunter?

Der neokonservative Gedanke, daß Liberalismus mit mangelnder Courage, mit einem allzu großen Entgegenkommen gegenüber unterprivilegierten Schichten gleichzusetzen sei, ist eine Entstellung des wirklichen Liberalismus und auch all dessen, was unter Präsidenten wie Kennedy, Johnson und Clinton geleistet wurde. Das liberale Fundament Amerikas besteht aus Toleranz und Offenheit, wie sie die Mehrheit der Bevölkerung immer noch will, im Gegensatz zum Präsidenten, der sagt: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Diese Regierung setzt zu oft auf Geheimhaltung, Einschüchterung und Lügen.

Gab es in der Geschichte Amerikas schon einmal eine ähnliche Krise und Gefährdung demokratischer Werte?

Autoritäre, für das Land gefährliche Strömungen sind auch hier nicht unbekannt. Denken Sie nur an McCarthy, der schließlich von den wahren Konservativen, auf die ich auch jetzt baue, gestürzt wurde. Nun kommen allerdings außenpolitische Herausforderungen wie der Terrorismus hinzu. Es ist nicht leicht, eine Balance zu finden zwischen Bürgerrechten und dem, was getan werden muß, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten. Die Regierung Bush neigt dazu, Sicherheit den Bürgerrechten vorzuziehen, und dabei schürt sie gleichzeitig Angst, beutet sie aus und benutzt sie als Mittel für ihre Zwecke. Das halte ich für gefährlich.

Haben Sie auf die Instrumentalisierung der Angst nicht auch schon in Ihrem Aufsatz „Nationalsozialismus als Versuchung“ verwiesen?

Ein wichtiger Aspekt des Erfolgs von Hitler war, daß er sich als Retter dargestellt hat. Eine Versuchung der Macht ist in Amerika nun der Glaube an die militärische Überlegenheit, der uns in die Irak-Krise gestürzt hat. Die Neokonservativen aber haben die militärischen Mittel überschätzt. Historisch gesehen, ist es interessant, daß jetzt das Militär weitaus vernünftiger argumentiert als die vielen unwissenden Zivilisten in der Regierung. Die Versuchung besteht darin, daß ein Teil der Bevölkerung sich der Führung dankbar anvertraut, also der eigenen Verantwortung und dem eigenen Nachdenken entsagt. Bush mit seiner Mischung von Religion und Politik leistet dem Vorschub.

Sie haben Bush radikal genannt. Sehen Sie denn Anzeichen, daß er diese Radikalität in den nächsten vier Jahren in gemäßigtere Bahnen lenkt?

Es gibt Beobachter, die das glauben; ich selber zweifle daran. Wenn man so felsenfest davon überzeugt ist, nie einen Fehler gemacht zu haben, warum sollte man sich dann ändern? Bush hat jetzt mehr Macht als zuvor, und schaut man sich seine Personalpolitik seit der Wahl an, so fällt auf, daß er sich offenbar nur mit Jasagern umgeben will. In der Außenpolitik mag sich in Nuancen und im Stil einiges ändern, aus dem einfachen Grunde, weil selbst der Präsident in der Zwischenzeit erkannt hat, daß er Alliierte braucht. Darum ist vorstellbar, daß er eine konziliantere Außenpolitik betreiben und gerade auch das wirtschaftliche Umfeld ihn zu einer gewissen Vorsicht zwingen könnte. Freiwillig würde er von seinen radikalen Absichten wohl kaum abrücken.

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