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Amerika unter Bush : Die Leni-Riefenstahlisierung

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Es ist mir wohlbekannt, daß Politiker gelegentlich die Wahrheit verschleiern. Dies aber konsequent als Politik zu betreiben, wie es die jetzige Regierung tut, und dazu gegenüber ihren eigenen Beamten und den Medien das Mittel der Einschüchterung einzusetzen, das beunruhigt mich doch sehr. Eine Bemerkung noch über die Art und Weise, wie versucht wird, das Volk zu begeistern. Als ich die Fernsehbilder von der Ankunft des Präsidenten auf dem Flugzeugträger sah, kam mir spontan in den Sinn: Das ist die Leni-Riefenstahlisierung der amerikanischen Politik, wobei ich mich früher immer absolut gegen jeden Vergleich mit diesem Teil der deutschen Geschichte gewehrt hatte.

Der Aufstieg des Nationalsozialismus, haben Sie geschrieben, sei weder unvermeidlich noch zufällig gewesen, und er hätte gestoppt werden können, wenn es keine „staatsbürgerliche Passivität und willige Blindheit“ gegeben hätte. Es scheint, als wollten Sie eine solche Passivität und Blindheit nun in Amerika erkennen?

Wissen Sie, aus der deutschen Geschichte kann man sehr viel lernen. Sie kann eine Warnung für jede Demokratie sein, aber dafür braucht man sie in Amerika eigentlich nicht zu bemühen, denn es gibt hier und gab hier im ganzen zwanzigsten Jahrhundert und schon vorher genügend warnende Stimmen. Es gibt eben keine hundertprozentige Garantie dafür, daß dieses Land nicht auch einmal autoritär werden könnte. Aber die deutsche Geschichte führt vor, wie eine Demokratie mit zum Teil demokratischen Mitteln untergraben und zerstört werden kann. Andererseits hat sie uns gezeigt, wie Demokratie wiederherzustellen ist.

Das gegenwärtige Amerika ist weiß Gott nicht Weimar. Wir befinden uns hier in keiner Weise in einer vergleichbaren Krise, aber es gibt eine gewisse politische Apathie und eine Spaltung der Bevölkerung, die die liberale Opposition dazu verführen könnte, die Zustände düsterer darzustellen, als sie sind, und von Faschismus zu reden - das liegt mir völlig fern. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß Geschichte sich wiederholt, es ist dagegen viel wahrscheinlicher, daß wir mit der Gefahr einer völlig neuen Art von Autoritarismus konfrontiert werden. Das Land nähert sich einer christlich-fundamentalistisch verbrämten Plutokratie.

Werden die altbekannten Stärken Amerikas, seine Vitalität, sein Pragmatismus, seine anscheinend unversiegbare Erneuerungskraft und seine immerhin schon seit ein paar Jahrhunderten erprobten demokratischen Strukturen, ausreichen, auch eine selbstherrliche Regierung wie die von George W. Bush im Zaum zu halten?

Sehr viel von diesen Stärken wird einzusetzen sein, um die mehr oder weniger verdeckten Unterwanderungen der Verfassung abzuwehren und einen wirklich rechtsradikalen Rutsch zu vermeiden. Ja, Amerika hat die Kraft, von der Sie gesprochen haben, und selbstverständlich gibt es tief verwurzelte Traditionen und Institutionen liberalen Geistes, die in der Mehrheit der Bevölkerung fest verankert sind. Kurzfristig setze ich meine Hoffnung auf das mögliche Aufbrausen echter Konservativer im Lande, die die Verfassung und die Bürgerrechte als fundamental betrachten und sich daher gegen die außen- wie innenpolitischen Exzesse dieser Regierung auflehnen und schließlich sagen: Nein, so geht es nicht! Drei oder vier Senatoren könnten da schon einen Umschwung bringen.

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