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Amerika : Stararchitekt Philip Johnson ist tot

  • -Aktualisiert am

Philip Johnson im Jahr 1988 Bild: AP

Philip Johnson, der am Dienstag abend in seinem selbstentworfenen „Glass House“ in New Canaan starb, war ein eminent amerikanischer Architekt. Stets war er anderswo, als man ihn vermutete.

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          Mobilität gilt als ein Charakterzug nordamerikanischer Lebensart. Der Möbelwagen vor dem Haus signalisiert nicht die Katastrophe des bevorstehenden Heimatverlustes, sondern ist Bestandteil der Normalität, wie der Wohnwagen, der Greyhound-Bus, der Hausverkauf, der Tramp, das Road Movie, die Ost-West- und die Nord-Süd-Wanderung.

          Anzukommen, behauptet Gert Raeithel in seiner „Geschichte der nordamerikanischen Kultur“, sei ein europäischer Herzenswunsch, aufzubrechen ein tiefes amerikanisches Bedürfnis. Man trennt sich leicht von Dingen, Orten, Vorstellungen, Werten, Stilen.

          Insofern war Philip Johnson, der am Dienstag abend mit 98 Jahren in seinem selbstwentworfenen „Glass House“ in New Canaan (Connecticut) starb, ein eminent amerikanischer Architekt. Stets war er anderswo, als man ihn vermutete. Der Moderne hing er an, solange sie in den Vereinigten Staaten neu, aufregend und publizitätsträchtig war. Er hat ihr als blutjunger Leiter der Architekturabteilung im New Yorker Museum of Modern Art zur Geltung verholfen und sogar als Bauherr. Der vierundzwanzigjährige Kunsthistoriker aus begütertem Hause konnte es sich leisten, den Entwurf seines eigenen New Yorker Apartments Mies van der Rohe anzuvertrauen und damit Deutschlands berühmtestem Modernisten den allerersten amerikanischen Auftrag zu verschaffen.

          Der Himmel über New York: Philip Johnson im Mai 1978

          Für Mies war er ein Kopist

          Das Verhältnis zu Mies blieb ein Schlüsselerlebnis in Johnsons Karriere. Als Johnson sich entschloß, die Architektenausbildung nachzuholen, studierte er zwar nicht bei dem inzwischen exilierten Mies in Chicago, sondern bei Walter Gropius und Marcel Breuer im feineren Harvard. Aber die erste Monographie über Mies stammte von Johnson, und für den Bau des Seagram-Hochhauses in New York ging Mies 1954 sogar eine Partnerschaft mit Johnson ein. Johnsons Bewunderung für den Älteren ist ihm nicht vergolten worden. Offenbar schätzte Mies den alerten Kollegen als einen wendigen Kopisten ein, und später, als Johnson nicht mehr kopierte, sondern eigene Wege ging, als Verräter an der eigenen Sache.

          Von der edlen Einfachheit, Logik und Konstruktivität Mies van der Rohes hat Johnson sich spätestens seit den sechziger Jahren verabschiedet. Was seitdem entstand, vor allem in der Partnerschaft mit John Burgee (seit 1973), war jeweils unvorhersehbar. Seine Projekte konnten sich auf romanische Krypten, gotische Münster, Renaissance-Kapellen, barocke Chateaux, französische Revolutionsarchitektur oder auch, als Zitat, wieder auf die Moderne beziehen. „Ich bin der Ansicht, daß wir keine Überzeugungen haben“, bekannte Philip der Abtrünnige. „Ich habe keine.“ Das parkartige Anwesen in New Canaan, Connecticut, das er seit 1949 bebaute, enthält eine Versammlung kleiner Baulichkeiten, die den Weg vom gläsernen Stahlhaus bis zum klassizistischen Teepavillon und zur geheimnisvollen Bauplastik wie auf einer Musterkarte belegen.

          Das Mißverständnis mit der Moderne

          Im nachhinein erklärt sich auch Johnsons früheres Engagement für die Moderne als ein amerikanisches Mißverständnis. Die berühmte Ausstellung im Museum of Modern Art, die Johnson 1932 gemeinsam mit Henry-Russell Hitchcock arrangiert hatte, führte die europäische Architekturmoderne nicht als ein System sozialer Überzeugungen und moralischer Werte vor, wie es die Anhänger des Neuen Bauens verstanden wissen wollten, sondern als Stil.

          Der Begriff „Internationaler Stil“ war seit diesem Ausstellungsereignis und der sie begleitenden Veröffentlichung etabliert. Johnson handelte hier nicht anders als seine bauenden Landsleute, die Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit als Vorzug und nicht als Gesinnungsmakel betrachteten. Raymond Hood, William Lescaze oder George Howe, deren Arbeiten der europäischen Moderne am nächsten kamen, konnten so oder auch anders, wenn es der Auftrag erforderte.

          Gebildeter Kunsthistoriker

          So ergänzte auch bei Johnson das wirtschaftliche Realitätsprinzip den Kenntnisreichtum des gebildeten Kunsthistorikers, der seinen Palladio wie seinen Ledoux gelesen hatte, Auguste Choisys Interpretation der Akropolis ebensogut kannte wie Karl Friedrich Schinkels „Sammlung architektonischer Entwürfe“. Wer Formen als Stilkleid begriff, konnte keine Einwände geltend machen, wenn das Baukomitee der Republic Bank in Houston sieben Jahre nach dem benachbarten Pennzoil Place von 1977 keine weitere minimalistische Komposition haben wollte, sondern irgend etwas Romantisches. Johnson und Burgee besorgten ihnen eine Bankkathedrale mit hanseatischen Staffelgiebeln. „Das erste Gesetz der Architektur ist: den Job zu kriegen.“

          Philip Johnson ist, so auf der ersten venezianischen Architekturbiennale von 1980, als Pionier und Wortführer der neuen Wahlfreiheit gefeiert worden. Von seinen postmodernen Zeitgenossen unterschieden sich die Produktionen seines Büros darin, daß sie den Stilmix innerhalb ein- und desselben Entwurfs begrenzt hielten. Im Vergleich zum frappierenden Ägyptizismus eines Michael Graves oder zur einfallsreichen Haute Couture eines Helmut Jahn steuerten Johnson und Burgee einen Kurs, der Neuartigkeit mit Déjà-vu-Erlebnissen verband. Ihre architektonischen Szenarios waren so temperiert, daß ihre Auftraggeber darin beruhigt auch konservative Geschäftsfreunde empfangen konnten.

          Pluralismus sei ein Nährboden, auf dem poetische, schöpferische Künstler gedeihen könnten, schrieb Philip Johnson, als er 1988 im Museum of Modern Art, fast sechzig Jahre nach der denkwürdigen Ausstellung von 1932, einen neuen Trend präsentierte, den Dekonstruktivismus (und prompt selbst ein dekonstruktivistisches 380-Millionen-Dollar-Projekt für Toronto entwarf). So mag er es in gehobenen Augenblicken empfunden haben. In zynischeren Stimmungen pflegte er - meistzitiertes Johnson-Wort - den Architekten als eine Hure zu bezeichnen, die ihre Kundschaft bedient, nicht ohne deren Wünsche vorher erregt zu haben.

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