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Amerika in der Krise : Das Spiel ist aus

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Die Zeit des Feierns ist vorbei, an Diamanten wird gespart: in Amerika ist die Krise überall spürbar Bild: picture-alliance/ dpa

Erleben wir heute noch einmal dasselbe wie im Jahr 1930? Amerika hört schon mal auf zu feiern und leistet sich weniger Jets und Diamanten. Nur in Stripclubs, Gebrauchtwarenläden und Pfandhäusern blühen die Geschäfte.

          Zwischen Thanksgiving am letzten Donnerstag im November und Weihnachten steigen in Amerika unzählige Parties. Unter dem Oberbegriff „Holidays“, der das Religiöse mit dem Profanen versöhnt, wird das Jahr einen guten Monat lang auf Firmenfeten wie im engen und weiten Freundeskreis mit viel Alkohol verabschiedet. Naturgemäß ist das ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Oder war es. Denn dieses Jahr klagen schon jetzt Partydienste, Weinlieferanten, Restaurateure und Saalvermieter über schleppende Geschäfte. Statt Bordeaux und Burgunder werden Hausweine bestellt, statt Champagner Schaumweine, Kaviar ist out, Salzbrezeln sind in.

          Soweit die gute Nachricht. Für die schlechte sorgen immer mehr Firmen, die ihre Holiday Parties ganz ausfallen lassen. ABC News, die Nachrichtenabteilung einer der größten Fernsehgesellschaften des Landes, ist mit warnendem Beispiel vorangegangen und hat sämtliche Festlichkeiten abgesagt, in New York wie auch in Los Angeles und Washington. Alles trist genug, aber über die verdorbene Partylaune hinaus mehren sich die Zeichen, dass das zweite Gilded Age, dessen erster Version einst Mark Twain gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts den Namen gab, sich eiligst verabschiedet.

          Da kursiert die Geschichte von Louis L. Gonda, laut „Forbes“ einem der reichsten amerikanischen Privatiers, der sich gleich von zwei Jets trennt. Da meldet sich in der „New York Times“ der Edeljuwelier Ronald Winston zu Wort, nur um zu bestätigen, dass sich Amerikas Superreiche im Schockzustand befänden und vorm Diamantenkauf zurückschreckten.

          Hausse bei den Pfandhäusern

          Im düsteren Licht der Finanzkrise will selbst der Milliardär, der sich auch nach einem Blick aufs schrumpfende Portfolio noch so nennen darf, nicht mehr beim Protzen mit Konsum, also was der Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen vor einem Jahrhundert als „conspicuous consumption“ geißelte, erwischt werden. Führungskräfte von Investmenthäusern haben begonnen, freiwillig auf ihre zum Jahresende sonst fälligen Boni zu verzichten. Allgemein verbreitet ist soviel strategische Zurückhaltung noch nicht.

          Aber ein gerüttelt Maß von Dummdreistheit gehört schon dazu, an einem Tag, wie es der problembeladene Versicherungsgigant A.I.G. vormachte, 85 Milliarden Dollar Staatshilfe einzusäckeln und am nächsten ein Luxusresort an der kalifornischen Küste mit führenden Angestellten zu füllen. Und das zu einer Zeit, in der Hausbesitzer „garage sales“ veranstalten, nicht nur um altes Gerümpel loszuwerden, sondern auch, um durch den Verkauf ihrer Habseligkeiten für die nächste Darlehenszahlung liquide zu sein. Gebrauchtwarenläden und Pfandhäuser sollen zudem glänzende Geschäfte machen.

          Mit Reis und Bohnen durch magere Zeiten

          In wieweit das bereits symptomatisch ist, lässt sich kaum festmachen. Längst zücken jedenfalls Psychologen, Soziologen, Ökonomen ihre Instrumente, um uns mit den erfolgten und noch zu erwarteten Auswirkungen der Krise vertraut zu machen. Wir haben inzwischen gelernt, dass in Rezessionszeiten Röcke länger und Haare kürzer geschnitten werden, dass weniger Nachfrage für Steaks, Eier und Salat, aber mehr für Reis, Bohnen und Schokolade besteht, dass die Kriminalrate nach oben schnellt, dass die Popsongs sich verlangsamen, dass die Modelle im „Playboy“ an Alter, Größe, Gewicht und Rundungen zunehmen.

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