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Amerika : Die Poesie der Paranoia - Ein Mann will Bush ermorden

Ziel letaler Begierden - der Präsident der Vereinigten Staaten Bild: EPA

Nicholson Bakers Buch „Checkpoint“ erzählt nicht bloß vom Irrsinn. Es wagt sich verdammt nah an seinen Gegenstand. Der Roman ist geeignet als Drehbuch für einen Film von Tarantino oder Mamet. Und es ist ein sehr gefährliches Buch.

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          Es gibt Köpfe, die sind so leer, daß ganz Amerika hineinpassen würde, all die Wüsten und die steinernen Gebirge, all die Zeichen und die Wunder und die Widersprüche und die langen Schatten, welche von den großen Männern geworfen werden.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man kann viel hineinstopfen in solche Köpfe, jede Menge Meinungen, Gerüchte und Verschwörungstheorien, und wenn dann doch mal eine Sicherung durchbrennt, so wie damals, am 23. November 1963, kurz nach halb ein Uhr mittags, dann steigt der Mann, dem so ein Kopf gehört, vielleicht in den sechsten Stock eines Lagerhauses in Dallas und feuert mindestens drei Schüsse auf seinen Präsidenten ab, wird unsterblich - und kurz darauf erschossen.

          Gefährliche Irre als Verweis auf den großen Irrsinn Amerikas

          Das Innere des Kopfes von Lee Harvey Oswald, dem Mörder John F. Kennedys, hat zwei der besten Schriftsteller Amerikas zu zwei ihrer besten Bücher inspiriert - Don DeLillos „Libra“ versuchte, die entscheidenden sieben Sekunden jenes Tages im November zu rekonstruieren, und kam zu dem Ergebnis, daß die Widersprüche nicht aufzulösen waren. Norman Mailers Biographie „Oswald's Tale“ versuchte, dem Geheimnis des Mörders auf die Spur zu kommen, und bewies dabei, daß es kein Geheimnis gab.

          Und als Europäer konnte man aus beiden Büchern lernen, daß gefährliche Irre wie Lee Harvey Oswald vielleicht nicht die besseren, auf jeden Fall aber die interessanteren Amerikaner sind. Die Braven und die Normalen mögen einander gleichen, aber ihre Bravheit und Normalität verweist nur auf sich selbst. Die Irren dagegen sind jeder irre auf seine Art - und verweisen doch alle auf den großen Irrsinn Amerikas.

          Jay ist auch so ein Irrer, ein gefährlicher, einfach Jay, der Nachname spielt keine Rolle; denn auch Jay will den Präsidenten ermorden, ganz dringend, lieber heute als morgen will er George W. Bush vom Leben in den Tod befördern - und so, wie viele noch heute nach den Hintermännern des Lee Harvey Oswald fragen, so wirft auch der Hintermann von Jay ein paar Fragen auf. Daß Jay den Präsidenten ermorden will, das ist seit Ende Juni genauso bekannt wie der Umstand, daß der Mann, der hinter Jay steht, Nicholson Baker heißt, Schriftsteller ist und sich schon mehrfach verdächtig gemacht hat. Mit „Vox“ vor allem, seinem größten Bestseller, dem Dialogroman, der vom Sex am Telefon erzählt und den, wie der Starr-Report berichtet, einst Monica Lewinsky ihrem Präsidenten schenkte. Auch „Die Fermate“ ist nicht ganz harmlos, jener Roman, der davon erzählt, wie ein Mann die Zeit anhalten kann und dabei schamlos seine voyeuristischen Begierden stillt.

          Ein Text, der als Aufforderung zum Mord gelesen werden muß

          Zudem ist schon seit längerem bekannt, daß Nicholson Baker nicht einfach gegen Bush ist, sondern daß er, wie er dem Magazin „Newsweek“ erzählte, sich im Lauf des Irak-Kriegs geradezu hineingesteigert hat in seinen Zorn, seinen Schmerz, seine Hilflosigkeit. Er hat längst zugegeben, daß er sich nicht viel anders fühlt als jener Jay, der mit einem Mord seine eigene Ohnmacht überwinden will.

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