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Amerika : Die Kartei der Kinderschänder

Straftäter am Pranger
          2 Min.

          Ein Mausklick genügt, und die Familie, die in der Nähe des Arcturus Park im beschaulichen Foster City vor den Toren San Franciscos ein Haus kaufen will, weiß, daß im Umkreis von einem Kilometer mindestens fünf verurteilte Sexualstraftäter leben.

          Katja Gelinsky
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin

          Ein weiterer Mausklick auf eines der kleinen blauen Quadrate, die die Wohngegend der Delinquenten anzeigen, offenbart, daß in der Pont Royal Avenue, Hausnummer 278, der Kinderschänder Dennis Sullivan gemeldet ist. Seine Tätowierungen sieht man auf dem Internetfoto nicht. Aber Angaben dazu sowie zu Narben des Sexualstraftäters finden sich in dem beigefügten Steckbrief. Dennis Sullivan ist einer von mehr als 63.000 verurteilten Sexualstraftätern, über die das kalifornische Justizministerium nun auf der Internetseite http://megansLaw.ca.gov informiert.

          Die schlimmsten Verbrecher

          Kinderschänder zählen zu den 33.500 schlimmsten Verbrechern, die deshalb auch mit ihrer genauen Anschrift in der Internetdatei stehen. Nicht verzeichnet sind dagegen rund 22.000 Sexualstraftäter, die als wenig gefährlich gelten. Diese Lücke soll aber nach dem Willen von Opferschutzvereinigungen schnell geschlossen werden. Kalifornien folgt mit der Internetdatei dem Beispiel zahlreicher amerikanischer Bundesstaaten und Bezirke, die Informationen über Sexualstraftäter online veröffentlichen.

          Nach der Vergewaltigung und dem Mord an der kleinen Megan Kanka durch einen vorbestraften Sexualstraftäter aus der Nachbarschaft verabschiedete der Kongreß 1996 „Megan's Law“, das die Einzelstaaten verpflichtet, die Bevölkerung über verurteilte Sexualstraftäter zu informieren. Die Kalifornier konnten Angaben über Kinderschänder, Vergewaltiger, Spanner und Exhibitionisten bislang nur von der Polizei bekommen.

          Fehlerquote zwanzig Prozent

          Einwände gegen die Errichtung einer frei zugänglichen Internetdatei gab es unter anderem wegen der zahlreichen bekannten Fehler in dem Polizeiverzeichnis. Rund zwanzig Prozent der Einträge enthielten falsche Angaben, zum Beispiel über den Wohnort von Sexualstraftätern, gesteht der kalifornische Justizminister Bill Lockyer zu. Doch hofft er, daß es mit Hilfe der Verbreitung der Täterbeschreibungen im Internet gelingen wird, Delinquenten auf die Spur zu kommen, die ihre polizeilichen Registrationspflichten verletzen.

          Nur noch schwach klingen dagegen Stimmen, die es wagten, grundsätzliche Bedenken gegen die Internetdatei vorzutragen, für die Kinderschutz- und Opferorganisationen seit Jahren energisch Lobbyarbeit betrieben haben. Zwar provoziert „Megan's Law“ weiterhin Klagen, in denen gerügt wird, daß die vielerorts lebenslange Registrierpflicht und Präsentation von Sexualstraftätern im Internet deren Persönlichkeitsrecht verletzten und die Gefahr von Racheakten mit sich brächten. Doch hat der Oberste Gerichtshof 2003 den Einwand zurückgewiesen, daß den Delinquenten durch die Online-Präsentation eine verfassungswidrige Strafe auferlegt werde. Die Verbreitung wahrheitsgemäßer Informationen zum Schutz der Öffentlichkeit sei keine Strafe, befand die Richtermehrheit.

          Die „Prangerwirkung“ ist im Lichte dieser Auffassung nur ein Nebeneffekt der öffentlich geführten Kartei. Dem kalifornischen Parlamentarier Todd Spitzer schien es aber dennoch ratsam, seine Landleute zur besonnenen Nutzung der Internetdatei zu ermahnen: Die neue Möglichkeit, Sexualstraftäter zu lokalisieren, sei kein Aufruf, „nach den Waffen zu greifen“.

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