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Der echte „American Sniper“ : Wenn man dauernd gewinnt, macht’s viel mehr Spaß

Die Geschichte enthält selbst eine Erklärung dafür, dass ihre amtliche Verifikation unmöglich ist. Als die Polizisten Kyles Führerschein überprüften, so heißt es, warf die elektronische Abfrage eine Telefonnummer aus. Unter der Nummer nahm ein Beamter des Verteidigungsministeriums ab, der die Ordnungshüter darüber aufklärte, mit wem sie es zu tun hatten. Muss, wer gerade als amerikanischer Patriot so etwas dann doch nicht glauben möchte, Kyle für einen Lügner halten? Anthony Swofford, ein Berufsgenosse und Autorenkollege von Kyle, hat als E-Book eine knappe Biographie Kyles herausgebracht. Er skizziert eine hypothetische Geschichte der Tankstellengeschichte und stellt sich vor, Kyle und Luttrell hätten mit Kumpels in einer Kneipe zusammengesessen, und Kyle sei wieder einmal aufgefordert worden, die alten Geschichten aus Falludscha zu erzählen. Ihm sei das langweilig geworden, und so habe er vielleicht gesagt: Denkt euch, was mir heute passiert ist ...

Der letzte Held eines sinnlosen Krieges

Swofford ist Kyle nie begegnet, sondern lernte ihn in Veteranenkreisen als mythische Figur kennen, als Helden von Heldengeschichten. 160 ist die Zahl der von Kyle abgegebenen Todesschüsse, für die sich Augenzeugen verbürgt haben. Je länger die Liste seiner Erfolge wurde, desto häufiger wurden ihm wohl auch rettende Schüsse zugeschrieben, die ein Kollege abgefeuert hatte. Der Kampfname „Legend“, den ihm die Kameraden verliehen, war zunächst als Frotzelei gemeint.

Nach der totalen Desillusionierung in Sachen der Gründe und Zwecke des Irak-Unternehmens taugt Kyle zum letzten Helden dieses Krieges: Der unüberwindliche Spezialist durfte, ja musste alles ausblenden, um seine Arbeit zu machen. Als Könner, dem regelmäßig Unglaubliches gelingt, gehört der Scharfschütze freilich zugleich einer Sphäre des Unscharfen an, dem Reich der Sage. Einer von Kyles Kommandeuren sagte auf der Trauerfeier im Footballstadion der Dallas Cowboys: „Er ist der Stoff der Freiheit, mit der das Volk dieser großen Nation gesegnet ist.“

Als er das Rekrutierungsbüro verließ, wollte Kyle um jeden Preis, „in the worst way“, ein Seal werden. Die Geschichten waren „bad-ass stuff“. Mit diesem Ausdruck umschreibt Kyle die drastische Abweichung des soldatischen Ethos von der bürgerlichen Moral. Dasselbe Wort verwendet er, wenn er die Vorstellung zurückweist, die Amerikaner hätten mit gutem Willen Verbündete unter den Irakern gewonnen. „Wir haben die Bösewichter umgebracht und dadurch die Anführer an den Verhandlungstisch gezwungen. So funktioniert die Welt.“ Die Stammesführer hatten ein charakterologisches Aha-Erlebnis: Sie sahen, dass sie es mit „bad-asses“ zu tun hatten. Kyle legte Wert auf die Feststellung, dass er nicht das Bedürfnis gehabt habe, sich seiner Taten zu brüsten. Er habe sich erst einen Ghostwriter gesucht, als ihm klargemacht worden sei, dass sonst ein anderer Autor seine Geschichte erzählen würde. Beflissen vermeidet Kyle im Protokoll der Meisterschüsse den angeberischen Ton. Die Freude am Fabulieren muss sich anderweitig Bahn brechen. Ein seltsames Leitmotiv der Memoiren sind die Kneipenschlägereien, die Kyle im Heimaturlaub provoziert.

Hätte Amerika rücksichtsloser sein sollen?

Es gibt Verteidiger des Films, die darüber hinwegsehen, dass das Buch die Misserfolge im Irak mit der von Politikern fern vom Schlachtfeld verfügten Selbstbindung an das Kriegsvölkerrecht erklärt - und das heißt umgekehrt den kriegerischen Erfolg mit der Enthemmung des Kriegers. In der wohlwollenden liberalen Lesart, wie sie etwa die Gattin von Präsident Obama angedeutet hat, sind das Thema von Kyles Geschichte die Kosten des Kriegsdienstes für die Familien der Veteranen. Darunter mag auch in Stücke geschlagenes Kneipenmobiliar fallen.

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